Warum ich kein Rowdy bin

15. November 2013
By | Source: Greenpeace Blog

Brief von Phil Ball, 42 Jahre, als einer der Arctic 30 in Russland inhaftiert und angeklagt wegen “Rowdytums” und “Piraterie”. Original: hier

Ich muss zugeben, dass die Aussicht, als Pirat verurteilt zu werden, zwei Sekunden lang witzig klang – bis das Strafmaß von 15 Jahren Gefängnis erwähnt wurde. Danach war das alles nicht einmal mehr ansatzweise amüsant. Immer noch ein Witz, aber nicht lustig, obwohl Anwälte, Zellengenossen und sogar die Staatsanwälte Witze über Papageien rissen und „Arrr“ in einem russischen Akzent krächtzten. (Ok, auch das war noch lustig.) Die Küstenwache hielt Waffen auf uns gerichtet, während sie unser Schiff verwüsteten, es in ihren Hafen schleppten und unsere Fracht stahlen. Sie haben sogar Rumflaschen von John und Frank ausgetrunken – ohne ein „Yo ho ho!“

Russische Küstenwache: Der Piraterie schuldig

Zeichnung von Phil Ball aus dem Gefängnis in Murmansk

Die Zeichnung von Phil zeigt den Gefängnishof in Murmansk. Gemeinsam mit den anderen Arctic 30 wurde Phil mittlerweile nach St. Petersburg verlegt.

Glücklicherweise ist das alles vorbei. Jetzt sind wir, die Arctic 30, des Rowdytums angeklagt. Erst hört sich „Rowdy“ nicht so ernst an, nach einem Schlingel oder einem Naseweis. Aber irgendwas muss da bei der Übersetzung schiefgegangen sein, denn sieben Jahre im Gefängnis erscheinen mir doch etwas streng. Meine Söhne, sieben und neun Jahre alt, werden dann Teenager sein und meine kleine Tochter wird mich vergessen haben, wenn ich freikomme. Auch ziemlich unlustig. [Tatsächlich ist auch die Anklage wegen Piraterie von der russischen Ermittlungsbehörde bislang nicht formell fallengelassen worden, d. Red].

Im Kleingedruckten dieser Anklage steht, Rowdytum sei eine „grobe Störung der öffentlichen Ordnung“, begangen „unter Missachtung der Gesellschaft“. Moment mal. „Missachtung der Gesellschaft“? Ich spende Blut. Ich leiste Freiwilligenarbeit in meiner örtlichen Pfadfinder-Gruppe. Ich entferne Hundekot vom Spielfeld und ich hab‘ nicht mal einen Hund! Ich habe vor Gericht als Zeuge bei zwei brutalen Verbrechen ausgesagt. Ich habe für die Entwicklung eines Supermarkts gekämpft. Ich habe Jugendlichen beigebracht, preisgekrönte Filme zu machen, an Projekten der Stop AIDS Foundation und der RSPD mitgearbeitet und 1000 Pfund meines eigenen Geldes investiert, um zu helfen, ein Gemeinschaftsprojekt für Windparks aufzubauen. Und einmal habe ich eine Taube gerettet und aufgezogen. Sie heißt Gerald.

Aber das Größte, was ich für die Unterstützung und den Schutz der Gesellschaft getan habe? 180 Seemeilen nördlich des Polarkreises zu reisen, um dort gegen Ölbohrungen in der Arktis zu protestieren. Gegen die gierigen, superreichen Ölfirmen Gazprom, Shell und andere zu protestieren, die nicht auf die Warnungen vor Ölverschmutzung, dem rasanten Klimawandel, Hurrikans, Dürren, Überflutungen und Hungersnöten hören. Stattdessen verdienen sie ein Vermögen auf Kosten von und „unter Missachtung der“ Gesellschaft, unserer Kinder und Enkel.

„Rowdy“ ist nicht einmal ansatzweise eine gute Beschreibung für das Vergehen, dessen sie sich schuldig machen. Also nein, ich bin kein Pirat und auch kein Rowdy. Ok? Kann ich jetzt nach Hause?

So können Sie die Arctic 30 unterstützen

Tags: , , , , ,