Verschwörungstheorie mit Borschtsch – Nachtrag zu Yuri´s Night im ESOC

13. April 2018
By | Source: Meertext

Bildergebnis für yuri dayZum Gedenken an den wagemutigen Kosmonauten Yuri Gagarin, der am 12. April 1961 unerschrocken als erster Mensch ins All flog, wird jährlich am 12.04 die Yuris Night gefeiert. So auch in diesem Jahr bei ESOC (European Space Operations Centre) in Darmstadt (Intestine City at the bans of Darmbach).
Rainer Kresken referierte über die Entwicklung der sowjetischen Raketentechnik und den Flug Yuri Gagarins zu den Sternen (wunderbarer Vortrag!), anschließend gab es das übliche Fragen-und-Antwort-Spiel mit dem Referenten. Alles lief innerhalb der normalen Parameter innerhalb einer ausgelassen Space Community, bis zu dieser Frage: „Es gibt Gerüchte, dass Gagarins Flug am 12. April 1961 nicht der erste war. Davor soll angeblich schon ein missglückter Start gewesen sein. Was ist da ´dran und wie ist es zu dieser Verschwörungstheorie gekommen?“.
Diese Verschwörungstheorie war mir neu. Ich habe mich also durch einige Bücher geblättert – hier ist die Story. Da mir u. a. „Lügen im Weltraum“ von Gerhard Wisnewski in die Hände fiel, bezieht sich ein erheblicher Teil des Beitrags auf dessen Darstellung der Gagarin-Verschwörung.

Die Brüder Judica-Cordiglia
Die italienischen Amateurfunker Achille und Gian-Battista Judica-Cordiglia hatten lange vor Gagarins Flug eine Funkanlage zum Abhören sowjetischer Satelliten eingerichtet. 1961, kurz vor Gagarins Start, haben sie damit Stimmen aufgefangen — eine stark verzerrte weibliche und mehrere männliche — die russisch sprachen. Ihre Beobachtungen und Schlussfolgerungen waren so aufsehenerregend, dass der Reader´s Digest und andere Medien darüber berichteten. Bereits vor Gagarin sollen mehrere Kosmonauten und auch eine Kosmonautin ins All geschossen worden sein, über die aber nicht berichtet wurde. Waren diese unbekannten, undokumentierten Raumfahrer umgekommen? Umkreisen heute einige der Nachwelt unbekannte tote Kosmonauten gefroren die Erde? (Space debris, nennt man das heute.)

Soweit nachzulesen in Gerhard Wisnewskis „Lügen im Weltraum“, auf S. 19. im Kapitel „Verschollen im Weltraum.

Hier ist ein Video zur Cordiglia-Verschwörung:

 

Zweifel an der Provenienz
Wikipedia schreibt über die Judica-Cordiglia-Brüder und ihre Funkstation: „Achille (b. Paderno Dugnano, 1933 — d. Turin, 2015) and his brother Giovanni Battista (b. Erba, 1939) set up their own experimental listening station just outside Turin in the late 1950s. The brothers used a disused German bunker at a site named Torre Bert. Working with scavenged and improvised equipment, they claimed to have successfully monitored transmissions from the Soviet Sputnik program and Explorer 1, the first American satellite, using equipment that recorded flight information such as telemetry, voice recordings and visual data.”
https://en.wikipedia.org/wiki/Judica-Cordiglia_brothers

Der Eintrag merkt an, dass es seit den 60-er Jahren erhebliche Zweifel an der Provenienz dieser Beobachtungen und der Schlussfolgerungen gibt.
Ein wichtiger Aspekt ist auch, dass dieses Brüderpaar mit seinen Beobachtungen und Interpretationen extrem allein da steht. Andere Amateurfunker scheinen diese Funksprüche nicht aufgefangen zu haben.


Phantom cosmonauts
In „Rocket Men: Vostok and Voshok”, einem Sachbuch zur frühen bemannten Raumfahrt der Sowjetunion, ist ein Kapitel namens „Phantom cosmonauts“ (auf S. 144 der Ausgabe 2002) enthalten.
Dort werden die Gerüchte aufgegriffen, dass es vor Gagarins Flug bereits misslungene Flüge und Unfälle gegeben habe.
Grund dafür sind eine Reihe unbemannter Flüge, die einzelne Komponenten des Raumfahrzeugs testen sollten.

Manche Gerüchte berichten von der Bergung lebloser Kosmonauten, die keine menschlichen Gesichter hatten.
Die Grundlage dieses Gerüchts ist, dass mindestens zwei Flüge mit Dummies („Mannequin“) in Druckanzügen und mit Helm stattgefunden haben. Dabei ging es unter anderem um die Erprobung der Lageregelung der Kapsel beim Wiedereintritt in die Atmosphäre. Bei der Bergung der Dummies waren ortsansässige Bauern anwesend, die später von leblosen und gesichtslosen Kosmonauten berichteten. Kein Wunder, es waren ja auch Space-Crashtest-Dummies.

Bei einigen anderen unbemannten Flügen sollte die Funkverbindung erprobt werden: Ein Tonband an Bord des Raumschiffes war die Stimme aus dem All. Mit der Auswahl der Tonspur hatten sich die Raumfahrt-Offiziellen schwer getan. Auf keinen Fall sollte es bedrohlich klingen, im Kalten Krieg war die Lage diffizil und Spionage an der Tagesordnung. Der Vorschlag, harmlos klingende Lieder abzuspielen, wurde schnell wieder verworfen. Zu nahe lag die falsche Schlussfolgerung eines im All durchgedrehten und deshalb singenden Kosmonauten. Stattdessen einigte man sich schließlich auf einen ganzen Chor – der im Leben nicht in die Raumkapsel gepasst – und das Rezitieren russischer Suppenrezepte: „Finally, in order to  prove that this was nothing more than a taped message, they decided,  to use a recording  of a whole choir and a voice reciting Russian soup recipes.“
Dabei war wohl auch eine weibliche Stimme, die über die Brüder Judica-Cordiglia dafür sorgen sollte, das Gerücht einer verunglückten Kosmonautin in die Welt zu setzen. Lange bevor Walentina Wladimirowna Tereschkowa dann wirklich als erste Frau ins All flog.
(Ob ein Borschtsch-Rezept dabei war, konnte ich leider nicht recherchieren, das ist tatsächlich eine nicht bewiesene Behauptung meinerseits.)
Andere Kosmonauten sollen auf geheimnisvolle Weise verschwunden sein. Diesem Gerücht lag wohl zugrunde, dass auf manchen offiziellen Photos eine ganze Reihe von Kosmonauten im Training abgebildet waren, die später nie wieder auftauchten. Das, so die „Rocket Men“-Autoren lag vor allem daran, dass nicht alle Personen, die am Training teilnahmen, auch wirklich ins All geflogen sind. Viele von ihnen sind einfach sang- und klanglos in anderen Projekten “verschwunden”: „of the twenty men selected in 1960, only twelve actually made a spaceflight“.
Für Journalisten auf der Suche nach Schlagzeilen natürlich eine Steilvorlage. Wegen der extremen Informationsarmut und Wortkargheit der UdSSR-Offiziellen musste auch niemand eine Richtigstellung befürchten.

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