Verkehrte Welt

26. September 2013
By | Source: Greenpeace Blog

Mit mehreren tausend Litern rostbraunem Spreeschlamm begrüßten Greenpeace-Aktivisten Dietmar Woidke vor dem Brandenburger Landtag.

Steile Thesen lassen Geschichten genesen. Die Weisheit zuspitzungsfreudiger Blattmacher hat auch Brandenburgs SPD-Fraktion gelernt und titelt „Greenpeace verschmutzt Umwelt“ auf ihrer Homepage. Belegt wird die kesse Nachricht mit den 8.000 Litern Schlamm aus der braunen Spree, die Greenpeace-Aktivisten zum ersten Arbeitstag von Brandenburgs neuem Ministerpräsidenten Dietmar Woidke (SPD) Ende August vor den Landtag in Potsdam gepumpt haben. „Umweltverschmutzung“ wirft der SPD-Fraktionsvorsitzender Klaus Ness flugs Greenpeace vor.
Hoppala! Kommt hier nicht ein bisschen was durcheinander? Greenpeace verschmutzt also die Umwelt, weil ein paar Tausend Liter Schlamm über einen versiegelten Vorplatz in die Kanalisation fließen. Was aber machen dann Politiker, die nicht verhindern, dass dieser Schlamm tonnenweise natürliche Flüsse zerstört? Was macht ein Unternehmen wie Vattenfall, das dafür sorgt, dass dies in den kommenden Jahrzehnten genau so weitergeht? Soll hier vielleicht der Überbringer einer schlechten Nachricht bestraft werden, während die Verursacher unbehelligt bleiben?
Den Schlamm hatten die Greenpeace-Aktivisten wenige Stunden vor jenem Mittwochmorgen aus dem Spree-Zufluss Wudritz abgepumpt. Ja, das Wasser in dem verockerten Fluss ist rostbraun, der Eisengehalt erhöht. Aber das liegt nicht an Greenpeace, sondern daran, dass die Sofortmaßnahmen der Landesregierung gegen die Spätfolgen des Braunkohletagebaus nicht greifen. Die Aktivisten haben den rostigen Spreeschlamm also nur zu jenen zurück gebracht, die für ihn verantwortlich sind. Das hätte Herr Ness auch auf dem große Banner lesen können, das zwei Aktivisten hinter dem kleinen Schlammsee hoch hielten. „Ab heute Ihr Braunkohle-Schlamm, Herr Woidke“ stand drauf. Ja, diese Erinnerung an eine drängende Aufgabe des neuen Ministerpräsidenten war nicht sonderlich dezent überbracht worden. Doch bislang hat Dietmar Woidke auch nicht erkennen lassen, sonderlich hellhörig zu sein für die katastrophalen Folgen des Braunkohletagebaus. Da muss man schon etwas lauter werden, um gehört zu werden.
Andernorts zumindest hat die SPD-Fraktion gut zugehört. Eifrig spricht sie das billige wie fadenscheinige Mantra nach, das der Cottbusser Lobby-Verein Pro Lausitzer Braunkohle seit Monaten anstimmt. Die Kritik an der Braunkohle – heißt es dort – komme nicht aus der Region, sondern sei von außen gesteuert. Entsprechend empört sich die SPD-Fraktion im Gleichklang: Fast alle Schlamm-Aktivisten seien aus Hamburg angereist. Was zum einen nicht stimmt. Gerade fünf der 23 Aktivisten, deren Personalien aufgenommen wurden, stammten aus Hamburg. Zum anderen entkräftet Provenienz nicht Kritik. Der Klimawandel, den die schmutzige Braunkohleverstromung verstärkt, macht leider nicht an der Landesgrenze Brandenburgs halt.

Autor: Gregor Kessler

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