Sini, die stille Heldin

10. Oktober 2013
By | Source: Greenpeace Blog

Von Harri Lammi, Greenpeace-Klimaexperte in Helsinki und Peking.

Meine Freundin Sini Saarela sitzt in Murmansk im Gefängnis — mit vielen anderen Greenpeace International-Aktivisten. Sie gehören zu den ersten, denen langjährige Haftstrafen drohen, weil sie ihrer Überzeugung gefolgt sind und sich für mehr Klimaschutz eingesetzt haben. Sie haben friedlich gegen Ölbohrungen in der Arktis demonstriert. Wofür sich Sini und die anderen Aktivisten einsetzen, halten Millionen Menschen für ein dringendes Anliegen: fossile Brennstoffe daran zu hindern, in unsere Atmosphäre zu gelangen.

Sini Saarela vor dem Leninsky Amtsgericht in Murmansk

Sini Saarela vor dem Leninsky Amtsgericht in Murmansk

Henry Thoreau, Mahatma Gandhi und Martin Luther King einte der Glaube daran, dass eine Zeit bevorstünde, in der Individuen die moralische Verpflichtung zu zivilem Ungehorsam haben. Ich glaube, dass wir jetzt, da sich das Problem der globalen Erwärmung immer weiter verschärft, diesen Moment erreicht haben.

Werfen wir einen Blick auf die Fakten: Der russische Ölgigant Gazprom ignoriert die Bedrohung durch den Klimawandel und treibt Ölbohrungen in der Arktis voran – und zwar in einer Gegend, die nur aufgrund des Klimawandels zugänglich ist. Ein Ölunfall hätte hier irreparable Schäden zur Folge. Trotzdem wird das Gazprom-Projekt „legal“ genannt, während Sini in Murmansk im Gefängnis sitzt. Daran wird deutlich, was auf unserem Planeten falsch läuft.

Thoreau, der im Jahr 1849 ein Wortführer in der Debatte um die Sklaverei in den USA war, argumentierte, dass die Stimme des Gewissens nicht vor Regierungen und Gesetzen verstummen dürfe. Gandhi forderte Menschen dazu auf, sich einer friedlichen Bewegung gegen Ungerechtigkeit anzuschließen. Ziviler Ungehorsam ist nicht gleichbedeutend mit Anarchie oder Gesetzlosigkeit. Ganz im Gegenteil: Wer sich in zivilem Ungehorsam übt, stellt sich bewusst auf mögliche rechtliche Konsequenzen ein. So können die Menschen in unseren Gesellschaften dazu animiert werden, ihr Rechtsverständnis einer Prüfung zu unterzeiehen und schließlich Gesetze zu ändern.

Individueller Protest hat schon oft große Veränderungen herbeigeführt. Ohne den Mut einer Rosa Parks, die sich weigerte, die Rassentrennungsgesetze in Alabama zu akzeptieren und ihren Sitzplatz in einem öffentlichen Bus zu räumen, wäre Barack Obama heute vielleicht nicht Präsident der Vereinigten Staaten. Vielleicht wäre es ihm nicht einmal erlaubt zu wählen.

Nach jahrelangen Umweltkampagnen zum Thema Klimawandel haben wir nun einen entscheidenden Moment erreicht. Die Bedrohung durch den Klimawandel ist von den meisten Regierungen mittlerweile erkannt. Trotzdem mangelt es an Handlungsbereitschaft. Falls wir der Entwicklung nicht entgegenwirken, sieht es für die Zukunft düster aus – wie der kürzlich veröffentlichte UN-Bericht zum Klimawandel zeigt. Eltern wünschen sich dieses Zukunftsszenario nicht für ihre Kinder; kein junger Mensch kann ihm optimistisch entgegenblicken. Wir können diese Zukunft noch verhindern. Aber wir müssen jetzt handeln und nicht irgendwann später.

In einem vernünftigeren Universum wären es nicht Sini und ihre Freunde, sondern die Präsidenten der USA, EU, China etc. und die politischen Entscheidungsträger anderer Länder, die Russland auffordern würden, seine Pläne für die Arktis zu überdenken. Doch das ist nicht das Universum, in dem wir leben. Der Ölrausch in der Arktis erinnert an die letzten Tage der Osterinsel, an das Wettrennen um die Errichtung der letzten Statue und das Fällen des letzten Baumes.

Ich kenne Sini seit vielen Jahren. Sie ist eine der moralischsten Menschen, die ich kenne. Ich meine damit: Sie ist eine von diesen Personen, die nicht tatenlos zusehen können, wenn sie Ungerechtigkeiten sehen. Ich bin gut darin geworden, mein nagendes Gewissen zum Schweigen zu bringen: Andere verhalten sich schließlich genauso! Sini ist außerdem eine der mutigsten Menschen, die ich kenne. Als sie aufbrach, waren ihr die Risiken bewusst, auch wenn niemand eine Situation vorhergesehen hat, in der derart absurde Anschuldigungen erhoben werden. Ich denke nicht, dass ich den Mut hätte, Gazprom zwei Mal zu konfrontieren. Sini hat das getan. So sieht echte Überzeugung aus. Ich bin stolz darauf, dass ich Sini kenne!

Aktivismus irritiert viele Menschen. Er ist ein unangenehmer Weckruf für diejenigen von uns, die ihre innere Stimme kaum noch hören können. Viele Menschen wollen diese Herausforderung nicht annehmen. Sie wollen den Klimawandel lieber leugnen. In einigen Ländern wie Finnland verstecken sich viele Menschen hinter Rechtslagen oder Regierungen. Aber die Politiker können uns und unsere Kinder nicht retten. Diese Rolle haben Sini und die mutigen Menschen übernommen, die sich ein Herz gefasst haben und ihrem Sinn für Gerechtigkeit folgen, um für mehr Klimaschutz einzutreten.

Es gibt Finnen, die Sini heftig kritisieren, manche wünschen ihr sogar Zeit in einem russischen Gefängnis an den Hals. Ich kann mir nur vorstellen, welche Kommentare Menschen gehört haben müssen, als sie sich zum ersten Mal gegen die Sklaverei und Rassentrennung oder für das Wahlrecht von Frauen ausgesprochen haben. Die meisten Menschen, die versucht haben, uns aufzuwecken, wurden nicht gut behandelt, weil ihre Botschaft unerwünscht war. Wenn ich nun die selbstgefälligen oder aggressiven Kommentare zu Neuigkeiten von Sini höre, habe ich das Gefühl, dass wir Helden wie sie gar nicht verdienen. Wir haben es nicht verdient, dass diese Helden persönlich ein Risiko für uns und den Klimaschutz auf sich nehmen. Aber Sini handelt trotzdem. Weil es richtig ist.

Fordert die Freilassung von Sini, den anderen 27 Aktivisten und den zwei Journalisten mit einer Protestmail an die russische Botschaft! #freethearctic30

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