Sensation: 436 alte Buchen erfahren Verjüngungskur durch Bayrische Staatsforsten

17. März 2014
By | Source: Greenpeace Blog

Da die bayerische Landesregierung noch immer keine Daten bezüglich der Lage noch vorhandener schützenswerter Buchenwälder an Greenpeace geliefert hat, kartiert Greenpeace zurzeit die letzten alten Buchenwälder im Forstbetrieb Hammelburg nördlich von Würzburg. Dabei deckten die Kartierer aktuelle Einschläge in einem etwa 200jährigen Buchenwald auf, wie unsere Karte Einschlag im Hunsrück belegt. Der Bestand liegt mitten im FFH-Gebiet „Hochspessart“, einem europäischen Schutzgebiet zum Erhalt der dortigen Hainsimsen-Buchenwälder.

Das Naturschutzkonzept des Forstbetriebes Hammelburg verspricht zudem den Erhalt über 180jähriger Buchenwälder:

Die noch verbliebenen alten Wälder sind das entscheidende Bindeglied zwischen dem früheren Urwald und dem heutigen Wirtschaftswald. Als alt gelten über 180-jährige Buchen- und über 300-jährige Eichenbestände. Derart alte Buchen- und Eichenwälder zählen zu den großen Raritäten Mitteleuropas. Sie sind außerordentlich artenreich, beherbergen zahlreiche Urwaldreliktarten und Arten, die an Altwaldstandorte gebunden sind. Sie sind deshalb wichtige Spenderflächen für die Wiederbesiedlung anderer Waldflächen. Ihrem Erhalt kommt eine hohe naturschutzfachliche Bedeutung zu und er ist eine entscheidende Voraussetzung für die Sicherung der Biodiversität.

Die nach Bundesnaturschutzgesetz geschützte Bartflechte an einer gefällten Buche

Die nach Bundesnaturschutzgesetz geschützte Bartflechte an einer gefällten Buche

Schöne Worte — doch vom Schutz alter Buchenwälder auf dem Papier haben Halsbandschnäpper, Mittelspecht und andere possierliche Tierchen nichts, wenn er nicht in der Praxis umgesetzt wird: In der Abteilung Hundsrück standen bis vor wenigen Tagen noch 436 alte Buchen auf etwa acht Hektar — ein alter Buchenwald, wie er im Forstbetrieb Hammelburg kaum noch zu finden ist. 132 Altbuchen im stolzen Alter von teilweise über 200 Jahren sind davon jetzt der Säge zum Opfer gefallen. Darunter eine alte Buche mit einer riesigen Schwarzspechthöhle, in der man locker den Unterarm versenken kann. Dazu alte Buchen, an denen die Bartflechte wuchs. (Dazu das Naturschutzkonzept Hammelburg:

Ziel ist der weitere Erhalt der vorhandenen Bartflechtenvorkommen im Forstbetrieb.)

Warum wurde dieser alte Buchenbestand nicht als Klasse-1-Wald ausgewiesen, wenn das Ziel der Bayrischen Staatsforsten (BaySF) doch angeblich der Erhalt der über 180 Jahre alten Buchenwälder und der Erhalt von Bartflechtenvorkommen ist? Offensichtlich ist hier etwas schief gelaufen mit dem hochgepriesenen Schutz der alten Buchenwälder. Deshalb behaupten die BaySF kurzerhand, bei dem eingeschlagenen Buchenaltbestand würde es sich nicht um einen Buchenaltbestand handeln, sondern um einen neun- bis 39-Jahre alten Buchenjungbestand, in dem lediglich einige Althölzer entnommen worden wären, um den jungen Buchen das „Emporwachsen“ zu ermöglichen. Aus alt mach jung, aha. Na, da werden sich die Chinesen aber wundern, wenn sie statt bestellter alter Buchen einen Buchenjungwuchs im Container finden — denn genau dahin reisen vermutlich einige eingeschlagenen Buchen. („Vogler Holz“, das Unternehmen, an das ein Teil der gefällten Buchen geliefert wird, exportiert hauptsächlich nach China.)

Um das Ganze weiter ad absurdum zu führen: Jeder, der sich einmal mit der Ökologie verschiedener Baumarten beschäftigt hat, weiß, dass ausgerechnet junge Buchen herzlich wenig Licht benötigen, um „emporzuwachsen“, denn die Mutter des Waldes ist eine ausgesprochene Schattbaumart.

Gefällte alte Buchen aus dem "Neun- bis 39jährigen Buchenjungwuchs"

Gefällte alte Buchen aus dem "Neun- bis 39jährigen Buchenjungwuchs"

Aber Moment mal: Von welchem Buchenjungwuchs reden die BaySF überhaupt? Wenn man sich in dem eingeschlagenen Bestand umschaut, findet man wohl ein paar Grüppchen junger Buchen, aber von einem 39jährigen Buchenjungwuchs kann keine Rede sein. Oder meinen die BaySF etwa den Buchenjungwuchs, der oberhalb an den alten Buchenbestand angrenzt? Kann nicht sein, so dreist sind selbst die BaySF nicht. Aber tatsächlich, oberhalb des eingeschlagenen Bestandes: Buchen, dicht an dicht, mit einigen Nachhiebsresten (Buche/Eiche), ungefähr 40jährig.

Das könnte der beschriebene Bestand sein…haben Greenpeace und die BaySF etwa nur aneinander vorbei geredet? Aber hier wurden ja kaum Bäume entnommen? Passt also auch nicht. Sieht auch nicht so aus, als müsste man den jungen Buchen hier wirklich unter die Arme greifen, denn die kommen prima alleine zurecht.

Rätselhaft. Oder hat hier etwa wieder eine Verjüngungskur à la „Eulsdelle“ stattgefunden? Bereits 2013 hatte Greenpeace einen Einschlag in einem über 180jährigen Buchenbestand gefunden, der kurzerhand durch das Wunder der letzten Forsteinrichtung (und Zusammenlegung mit wesentlich jüngeren Nadelholzreinbeständen) jünger gemacht wurde, als er als „kleinste Einheit waldbaulichen Handelns“ tatsächlich war. Aber das kann hier in der Abteilung Hundsrück auch nicht sein, denn selbst wenn man über 200 Jahre alten Buchen mit Jungwuchs zusammenschmeißt und umrührt wird aus 436 alten Buchen immer noch kein Buchenjungwuchs?

 Durch die Abholzung der alten Buchen wird die Verjüngung der jungen Fichten begünstigt.

Durch die Abholzung der alten Buchen wird die Verjüngung der jungen Fichten begünstigt.

Tatsache ist, statt des gepriesenen Buchenjungwuchses hat sich in der Abteilung Hundsrück durch die umliegenden Nadelholzbestände bereits einiges an Nadelholzverjüngung eingefunden. Diese hat durch den Einschlag nun tatsächlich Licht zum „Emporwachsen“ bekommen und feiert nun ein kleines Fest im Gedenken an die Buche: Hoch lebe der Buchenaltbestand, die Bartflechte und der Schwarzspecht — aber bitte nur auf dem Papier!

Also wirklich: Einfach aus 436 alten Buchen einen Jungwuchs machen, ein bisschen mehr Respekt vor dem Alter bitte, Herr Freidhager! Und jeder, der es nicht glaubt, kann selbst nachsehen!

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