Mysteriöse (?) Kreaturen an australischen Stränden – die Seeschmetterlinge kommen

12. Februar 2018
By | Source: Meertext

The blue sea slug is shown here out of water, and thus collapsed; these were found on a beach. Picking up the animal can result in a painful sting, with symptoms similar to those caused by the Portuguese man o’ war (Wikipedia).

Zierliche bläulich-violette Gestalten mit Fransen, nur wenige Zentimeter winzig. Die ätherischen Meeresschönheiten sehen elfenhaft fragil aus. Leider haben die ultramarinen Geschöpfe “Stacheln”, so lauten jedenfalls die Warnungen. Wer sie anfasst, kann sich unangenehme Verletzungen zuziehen!
Es ist die Schnecke Glaucus, auch bekannt als Seeschmetterling. Die Schnecke an sich ist harmlos, sie hat weder Stacheln (mit einer Ausnahme) noch Zähne. Aber sie jagt gefährliche Beute: Nesseltiere! Darunter die Portugiesische Galeere Physalia physalis, deren starkes Gift Menschen töten kann.
Glaucus frisst Physalia und nimmt dabei auch die Nesselzellen der Staatsqualle auf. Diese Nesselzellen transportiert das Weichtier auf noch unbekannte Weise in seine fadenförmigen Fortsätze und baut sie dort ein — als Waffen! Bis heute ist nicht bekannt, wie Glaucus die Übernahme der Nesselzellen anstellt, ohne dass diese explodieren und ihre Giftfracht entladen. Solche “gestohlenen” Nesselzellen heißen Kleptocniden.
Mit den Kleptocniden bewaffnet wird aus dem Seeschmetterling eher ein Seedrachen, so ein anderer Trivialname von Glaucus.
Glaucus ist übrigens ein Hermaphrodit und hat an intimer Stelle einen einzigen eigenen Stachel als Standardausrüstung: Ein Chitinstachel am Penis. Alle anderen Stacheln muss sie sich aber wirklich von Nesseltieren organisieren. Die Schnecke ist keine Nacktschnecke, da sie zunächst eine kleine Schale anlegt und diese erst im Laufe der Entwicklung reduziert wird.

Die bläulich-violette Färbung und die Schwebefortsätze der Schnecke der fransigen Schnecke zeigen, dass sie an der Meeresoberfläche lebt und jagt. Damit gehört sie zum Pleuston, den Tieren, der Ozeanoberfläche. Sie lebt, schwimmt und jagt in einer Community, die als “Blaue Flotte” bekannt ist, gemeinsam mit anderen Arten, die ebenfalls Auftriebskörper und Schwebefortsätze haben und die Tarnfarbe der Ozeanoberfläche tragen: Bläulich-violette Schattierungen, die die Lebewesen in der Zwischenwelt zwischen Meer und Luft unsichtbar werden lassen.

In dem Bericht der Sun: “DRAGON INVASION: Mysterious ‘blue dragon’ sea creatures with venomous stingers wash up on Sydney beaches in their hundreds. Alien-like sea slugs pack a sting more powerful than the Portuguese man-of-war, which they eat” ist vor allem von Glaucus, dem blauen Meeresdrachen, die Rede. Erst im letzten Satz steht der Hinweis, dass ein Mann an den Folgen einer Begegnung mit der Portugiesischen Galeere (Portuguese Man ´o War, Physalia physalia) sein Bein verloren habe und schließlich an den Folgen einer Sekundärinfektion gestorben sei.
Das deutet darauf hin, dass auch der Rest der Blauen Flotte vor Australien angekommen ist.

Der Stern-Artikel: “Mysteriöse Kreaturen an Strand gespült. Strandbesucher in Australien sind verwirrt. An Sydneys Stränden sind seltsame Kreaturen angeschwemmt worden. Doch für die angeblichen Fabelwesen gibt es eine simple Erklärung.” zeugt neben den Seeschmetterlingen auch eine Portugiesische Galeere und die Qualle Porpita porpita. Zur vollzählig angetretenen Blauen Flotte fehlen nun nur noch die Veilchenschnecke Janthina und die Segelqualle Vellela.

(An dieser Stelle ein ganz herzliches Dankeschön an @RPGNo1 für den Tipp!!! — Ihr wisst eben genau, dass ich einem Alien-Meeresmonster-Dekunking NIEMALS widerstehen könnte.)

Die Blaue Flotte – gläserne Gesellschaft auf der Meeresoberfläche

Die „Blaue Flotte“ ist eine berühmte Segel-Gemeinschaft aus Schnecken und Nesseltieren, die gemeinsam über die Wasseroberfläche driften.
Neben Janthina gehören dazu auch die Segelqualle Velella velella , die Meduse Porpita porpita und die todbringende Portugiesische Galeere Physalia physalia, eine Staatsqualle.

Janthina janthinaDie Blaue Flotte wird angetrieben vom Wind, der die Auftriebskörper und Segel der Tiere über die Wasseroberfläche bläst und von den Strömungen.
Diese Geschwindigkeit ist schwierig zu bestimmen und sehr veränderlich.
Da sie passiv verdriftet werden, gehören die Tiere zum Pleuston – dem treibenden Plankton an der Wasseroberfläche.
Ihre Farben sind ihrem speziellen Lebensraum angepasst: Die Nesseltiere sind überwiegend durchsichtig mit ultramarinbauen und violetten Farbakzenten und die Weichtiere changieren in hellen Violett- und Meeresblau-Schattierungen.  Die Farbpalette „Himmelblaue Veilchenschnecke“ eben.
Die Himmelblaue Veilchenschnecke (Janthina janthina) produziert aus körpereigenem Sekret ein Blasenfloß. Sie hängt sich darunter, so dass der Fuß nach oben zeigt, also „kopfüber“. Darum ist sie konterschattiert – die blauviolette Färbung ist an der Unterseite am intensivsten. Mit diesem Floß aus Luftblasen lässt sie sich in der „Blauen Flotte“ mit der Strömung über den Atlantik treiben und nascht dabei gern Nesseltiere.
Die Seeschwalbe (Glaucus atlanticus) teilt ihren Lebensraum und ihr Essen, sie ist eine blau schillernde Fadenschnecke. Dieses Video zeigt die charakteristische Form und die schwebende Fortbewegung (Es ist allerdings eine eng verwandte tropische Glaucus zu sehen).
(Dieser Absatz stammt aus Meertext: Wie schnell rennt eine Schnecke?).

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