IWC Tagung zum Töten von gestrandeten bzw. hilflosen Walen

Vom 11.-13. September 2013 fand am Institute of Zoology in London die “IWC Tagung zum tierschutzgerechten Töten von gestrandeten oder aus anderen Gründen hilflosen Walen” statt.

Für die GSM hat an dieser wichtigen Tagung der Spezialist Dr. Michael Stede teilgenommen.

Hier ist sein Bericht:

1. Allgemeines

Die Tagung fand bei der Zoological Society of London mit ca. 30 internationalen Teilnehmern (wechselnde Zahl britischer Teilnehmer) statt (z.B. Australien, Neuseeland, Südafrika, USA, Argentinien, Japan, Island, Norwegen).

Der Berichterstatter war der einzige Teilnehmer aus Deutschland. Die Arbeit war fachlich konstruktiv geprägt und durch zahlreiche sehr unterschiedliche Fallbeispiele auch außerordentlich praxisorientiert.

Die Zahl der Walstrandungen hat weltweit eine deutlich zunehmende Tendenz, wobei der Anteil an Finn-, Buckel- und Grindwalen besonders auffällt.

Im Titel der Tagung wird der Begriff – Euthanasie – als Arbeitsziel verwendet. Was man darunter zu verstehen hat, wurde nicht diskutiert. Es bestand allgemein ein Konsens darüber, dass damit eine tierschutzgerechte Tötung zu verstehen ist. Nach Ansicht des Unterzeichnenden wäre der englische begriff – mercy killing – zutreffender, weil die verfügbaren Methoden nicht immer zu einem schnellen Tod des Wales führen, und auch die bei bestimmten Methoden notwendigen Vorbereitungen beim Tier Leiden verursachen werden. Ferner sei angemerkt, dass man etwas Positives beabsichtigt, aber einen Begriff verwendet, der durch die deutsche Geschichte negativ belegt ist, weil es damals nicht um den Schutz vor Leiden, sondern um die Beseitigung von Leben ging.

Es geht bei der Strandung von Walen, die nicht aus ihrer für sie hoffnungslosen Lage befreit werden können, um die Verkürzung von Leiden und Schmerzen, die u. a. durch Panik, Zerstörungen an Haut, Flippern und der Fluke in Verbindung mit dem sich entwickelnden Schocksyndrom entstehen. Dieser Prozess kann sich über Tage hinziehen, wie eindrucksvoll an verschiedenen Fallbeispielen verdeutlicht wurde.

Erreichbarkeit des Strandungsbereichs, Verfügbarkeit von Technik und medizinischer Versorgung, Sicherheitsfragen sowie Größe, Anatomie und Physiologie des jeweiligen Wales, bestimmen Ablauf und Erfolg der Bemühungen, um das Leiden der Tiere zu verringern.

Bei allen Aktionen muss die Sicherheit der Umgebung und des ausführenden Personals

sichergestellt sein. Die ausführenden Personen müssen mindestens den je nach Situation notwendigen Sachverstand und Vertrautheit mit den anzuwendenden Verfahren und Techniken besitzen. Fehlt es daran, dann verschlechtert sich die Situation für das Tier durch die Erfolglosigkeit der Aktionen erheblich.

2. Methoden

Die Möglichkeiten einer tierschutzgerechten Tötung werden besonders durch Art und Größe des hilflosen Wales vorgegeben bzw. eingegrenzt. Zu diskutieren wären je nach Walart und Gesamtsituation:

  • Injektionsmethoden mit Anästhetika und/oder bestimmten Elektrolytlösungen.
  • Physische Mittel, wie Schusswaffen oder vergleichbare Geräte, Lanzen, Messer.
  • Prämedikation mit Anästhetika und anschließend physischen Mitteln

2.1 Injektionsmethoden:

  • Der Erfolg von tierschutzgerechten Injektionsmethoden zur Sedierung und Anästhesie bis zum Eintritt des Todes hängt davon ab, ob die notwendigen Mengen in kurzer Zeit verabreicht werden können mit dem Ziel, eine schnelle Sedierung und Analgesie zu erreichen. Benötigt werden ca. 25 – 30 cm lange verwindungssteife Stahlkanülen.

Hinderungsgründe:

  • Bei Walen stehen keine leicht zugänglichen oder gefahrlos erreichbaren Blutgefäße mit ausreichendem Volumen zur schnellen Verabreichung der notwendigen Wirkstoffmengen zur Verfügung. Alternativ wäre die Verabreichung in die Muskulatur oder in Brust-/Bauchhöhle möglich.
  • Langsamer Wirkungseintritt durch mangelhafte Anflutung des Stoffes im Gehirn; dadurch auch Gefahr von Exitationen.
  • Die für Großwale benötigten Mengen können nur selten vorgehalten werden und sind deshalb unter praktischen Einsatzbedingungen nicht verfügbar, — so der allgemeine Tagungskonsens.
  • Die Stoffe sind toxisch und teilweise hochtoxisch (Etorphin!). Dies bedeutet eine Gefährdung von Personal bei der Zerlegung und der Umwelt (z. B. See- Vögel und andere Prädatoren)
  • Gefährdung des Personals durch starke Abwehr- oder erfolglose Fluchtbewegungen.

2.2 Physikalische Tötungsmethoden

Auch bei diesen Methoden sollen Bewustlosigkeit und Tod in möglichst kurzer Zeit erreichbar sein. Dies kann aber nur erreicht werden, wenn mindestens die für Atmung und Kreislauf zuständigen Zentren des Zentralnervensystems oder die vegetativen Zentren im vorderen Brustraum augenblicklich zerstört werden in Verbindung mit der Unterbrechung der Blutversorgung des Gehirns durch Zerstörung des Herzens und der großen Gefäßstämme im Brustraum.

2.2.1 Schusswaffen oder vergleichbare Fangschussgeber:

Die tierärztliche Vereinigung für Tierschutz stellt dazu in einem Gutachten fest, dass der korrekt platzierte Schuss in den Schädel die Anforderungen an eine tierschutz-gerechte Tötung eines Wildtieres erfüllt.

Im Verlauf der Tagung wurden verschiedene Waffen und Fangschussgeber von sehr großem Kaliber und deren Wirksamkeit bei verschiedenen Walarten vorgestellt.

Untersuchungen über die Geschossbahn im Tierkörper haben gezeigt, dass für den Fangschuss nur Rundkopf oder Flachkopfgeschosse in Frage kommen, die eine einigermaßen sichere Voraussage über den Verlauf des Schusskanals zulassen.

Unter den Jagdwaffenkalibern sind nur die für Großwild brauchbar; das Mindestkaliber bei mittelgroßen Walen sollte 375 H&H mit höchst möglicher Ladung nicht unterschreiten.

In Neuseeland wurde ein tragbarer Fangschussgeber für eine russische panzerbrechende Kartuschenmunition entwickelt, der unmittelbar am Tier eingesetzt werden kann und mit einem Flachkopfgeschoss auch beim Pottwal mit Zielpunkt im „Kehlbereich“ zuverlässig wirksam sein soll.

Hinderungsgründe:

  • Beim Pottwal stellt die tief im Körper gelegene Schädelkapsel ein besonders schwer erreichbares Ziel dar.
  • Besondere Beachtung verdient die Umgebungssicherheit bezüglich eines möglichen Austretens des Geschosses oder Teilen davon aus dem Tierkörper.
  • Formales Recht in den einzelnen Staaten bezüglich Tötung von besonders geschützten Wildtieren und der Waffenanwendung außerhalb der Jagdausübung (Deutschland, siehe unten).

2.2.2 Walfangprojektile:

Der Einsatz dieser Projektile wurde diskutiert. Es handelt sich um mit Sprengkörpern bestückte Harpunen, die auf den Brustbereich abgefeuert werden. Der Sprengkörper wirkt als Hohlladung und gibt seine Energie in den Brustraum ab, wobei Herz und Lungen zerstört werden, und der Tod binnen Minuten eintreten soll.

In Alaska ist ein tragbares von Hand bedienbares System als „harpoon gun“ (whaling gun)  in Gebrauch.

Diese Harpungranate würde eine akzeptable Alternative zu zweifelhaften Injektionstechniken darstellen.

Hinderungsgründe:

  • Waffen- und sprengstoffrechtliche Probleme wie oben.
  • Bei sehr großen Walarten (Pottwal, Finnwal) wäre die Wirkung der tragbaren Harpunengranate wahrscheinlich nicht ausreichend.

2.2.3 Anwendung von Sprengladungen

In Australien wird die Anwendung von Sprengladungen als Implusionsmethode angewendet. Hierbei wird im Kopfbereich in anatomisch größtmöglicher Nähe zum Gehirn eine Sprengladung angelegt und mit einer dicken Lage aus Sandsäcken abgedeckt, die den Detonationsdruck in den Körper richtet, der zum Tod führt und einen tiefen Krater hinterlässt, wie aus einem gezeigten Video gut zu erkennen war.

Hinderungsgründe

  • Wegen der Druckwelle sind die bei Sprengungen üblichen Sicherungsvorkehrungen einzuhalten.
  • Formale sprengstoffrechtliche Probleme.
  • Umfangreiche Kontamination der Umgebung mit Tierkörperteilen und Flüssigkeiten; mögliche Umwelt- und Tierkörperbeseitigungs — relevante Hindernisse.

2.2.4 Lanzenartige Geräte:

Auf den dänischen Faröern ist die Verwendung von speziellen Lanzen zum Töten von Grindwalen vorgeschrieben.

Es handelt sich um ein relativ kurzes lanzettartiges Instrument mit spitz-scharfem Ende, das ähnlich dem bei der Jagd bekannten „Abnicken“ eingesetzt wird. Es wird in Nackenmitte entlang dem Hinterhauptsbein gegen den Spalt zwischen Hinterhauptsbein und ersten Halswirbel gestoßen mit dem Ziel, das Rückenmark zu durchtrennen und so den Tod auszulösen.

Ein Video zeigte, dass In Japan beim Fang von Delphinen ein ähnliches Vorgehen praktiziert wird. Dabei wird allerdings ein Pflock in die Lanzenwunde geschlagen, um den Austritt von Blut zu vermeiden,

Hinderungsgründe:

Eine eingehende Diskussion über dieses Vorgehen fand nicht statt. Es wurde aber allgemein eine ablehnende Haltung bei den Tagungsteilnehmern deutlich.

Es handelt sich beim Vorgehen der Färinger um einen sehr schmerzhaften Eingriff, der nur von sehr geübten Personen angewendet werden darf. Ein besonderer Grund, diese Methode abzulehnen, ist darin zu sehen, dass es sich fast immer um die Tötung von in Gruppen zusammengetriebenen Walen handelt, wobei durch Kommunikation der Tiere untereinander zusätzlicher Stress und Panik aufgebaut werden und das Leiden erhöht wird.

Diese Tötungsmethode ist in Deutschland als „Abnicken“ bekannt und wird von nam-haften Wildbiologen und Tierärzten abgelehnt, weil zusätzliche Leiden verursacht werden, bevor das Tier verendet.

2.2.5 Ausbluten:

Durch Absetzen der Fluke bzw. Durchtrennen des Schwanzstieles erfolgt zwangsläufig ein Ausbluten und der Tod des Tieres, was Stunden dauern kann. Dieses Vorgehen ist ohne ausreichende vorherige Sedierung abzulehnen.

3. Tagungsergebnisse Bezug nehmend auf Walstrandungen an deutschen Küsten und Ästuaren:

Grundsätzliches zum Töten besonders geschützter Tiere:

Es kommen regelmäßig Strandungen von Walen an den Küsten von Nord- und Ostsee vor, wobei Schweinswale den überwiegenden Anteil bilden. An lebenden größeren Walen waren dies Langfinnendelphin, Zwergwal und Pottwal. Alle anderen Walarten wie Buckelwal, Finnwal und Grindwal wurden ausnahmslos verendet aufgefunden.

Der Tötung von Walen, die nicht mehr ins Meer zurückgeführt werden können und deshalb aus Gründen des Tierschutzes zu töten sind, stehen weniger technische als vielmehr formale Gründe entgegen, wie ein Urteil des LG Lüneburg zur Tötung eines schwer verletzten Wolfes durch einen Jäger zeigt: Nach Ansicht des  Gerichts sind weder Jagd- noch Tierschutzgesetz geeignet, das Töten eines (in diesem Fall) schwer verletzten Wolfes (= besonders geschütztes Tier) zu rechtfertigen. In welchem Umfang dieses Rechtsprinzip auch bei Walen anzuwenden ist, muss alsbald geklärt werden. Zumindest Kleinwale bis zur Größe eines Weißschnauzendelphins können aufgenommen und in einer amtlich zugelassenen Auffangstation behandelt werden. Die Frage des Transportstresses und die Wahrscheinlichkeit einer erfolgreichen Rehabilitation und Auswilderung gehören zu den bedeutenden Unbekannten im Umgang mit Wildtieren, besonders bei Walen.

Offen bleibt, wie im Fall eines solchen  kleineren Wales zu verfahren ist, der in einem aussichtslosen, nicht mehr transportfähigen, Zustand am Strand aufgefunden wird, der touristisch intensiv genutzt wird. Es gibt bei den für den offiziellen  Naturschutz zuständigen Stellen Auffassungen dahingehend, dass man die Tiere am Strand sterben lassen sollte. Für die notwendige Absperrung zum Schutz vor Schaulustige bis zum Tod des Tieres sollte die Polizei sorgen, was die Polizei dem Unterzeichnenden gegenüber für abwegig ablehnt.

Seit 2002 ist der Tierschutz als Staatsziel im deutschen Grundgesetz verankert. Das Lüneburger Urteil muss, dies berücksichtigend, besonders überprüft werden vor dem Hintergrund der Strandungssituation, die immer touristisch attraktiv ist, zusätzliche Leiden verursacht und dadurch nicht mit der Situation in abgelegener freier Wildbahn zu vergleichen ist,.

Zumindest muss deutlich werden, dass für die Tötung eines besonders geschützten Wildtieres, das sich in einer ausweglosen Situation befindet, ein rechtfertigender Grund nach § 32 StGB vorliegt, d.h., dass dem Tierschutz Vorrang besonders gegenüber den Rechtsgütern des Naturschutzes eingeräumt wird.

In einem weiteren Schritt wären die waffen- und arzneimittelrechtlichen Hintergründe zu klären, um im Fall einer Strandung ohne Verzug das Tier von seinen Leiden zu erlösen.

Die föderale Struktur unseres Landes begünstigt die Zersplitterung von administrativen Zuständigkeiten neben der fehlenden Vorabkoordinierung zumindest auf Länderebene für den Fall einer Walstrandung. Die Sorgen der Träger öffentlicher Belange betreffen leider weniger den Tierschutz als vielmehr die Frage der Übernahme anfallender Kosten.

Trotz regelmäßig auch an den deutschen Küsten vorkommender Walstrandungen ist es bisher nicht gelungen, die wenigen kompetenten Spezialisten der verschiedenen betroffenen Fachgebiete in einer länderübergreifenden Arbeitsgruppe zusammenzu-führen und mit exekutiven Rahmenvollmachten auszustatten. Auch offensichtliche Fragen der Gefährdung der Deichsicherheit durch strandende große Walarten haben bisher nicht dazu geführt, vorsorgende organisatorische Strukturen zu etablieren, die der komplexen Problematik von Walstrandungen unter dem Gesichtspunkt des Tierschutzes und der Sicherheit unserer Deiche gerecht werden.

Unter diesen Bedingungen ist eine tierschutzgerechte Behandlung eines gestrandeten Wales wegen der fehlenden administrativen und organisatorischen Voraussetzungen kaum vorstellbar. Andere Länder, wie z. B. Großbritannien, Neuseeland, Australien oder Südafrika sind uns da weit voraus, bei denen administrativ und technisch Vorsorge getroffen wurde.

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