Greenpeace bei der World Gas Conference in Kuala Lumpur / Malaysia, Tag 2

8. Juni 2012
By | Source: Greenpeace Blog

Erdgas-Plattform Elgin © Joerg Modrow / GreenpeaceWenn er über die Korridore eilt in seinem anthrazit-farbenen Anzug, umgeben von zwei drei Assistenten, die Mühe haben, mit seinem Tempo Schritt zu halten, dann raunen die Anderen ehrfürchtig: „Das ist er, der Medwedew“. Denn er ist einer der „Stars“ dieser Konferenz: Alexander Medwedew (nein, nicht verwandt mit Ex-Präsident und Premierminister Dmitri Medwedew), 57 Jahre alt, Generaldirektor von Gazprom Export und Vize-Chef des gesamten Gazprom-Konzerns. Er ist der Mann, der im Winter 2009 einem ganzen Land den Gashahn abgedreht hat (nämlich der Ukraine). Er galt für das Time Magazine noch vor drei Jahren als einer der 100 weltweit einflussreichsten lebenden Persönlichkeiten. Wie besessen hat er in den vergangenen Jahren daran gearbeitet, Gazprom zu einem Weltkonzern zu machen. Und nach Feierabend widmet er sich dem Eishockey, denn: Präsident der russischen Eishockey-Liga ist er nebenbei auch noch.

Man sieht es ihm an: Medwedew genießt die Aufmerksamkeit, ja beinahe Ehrfurcht, mit der man ihm begegnet. In der Podiumsdiskussion zum Thema „Geostrategie und Erdgasgeschäft“ rückt er seine randlose Designer-Brille zurecht, zupft an seiner violetten Krawatte und echauffiert sich dann in sehr geschliffenem Englisch darüber, dass die Europäische Union das Erdgas nicht stark genug würdige. Schließlich habe sich die EU Klimaschutz und Erneuerbare Energien auf die Fahnen geschrieben. Wenn man aber Nachhaltigkeit wolle, müsse man doch die Nutzung von Erdgas ernst nehmen und fördern. “Es ist Zeit, anzuerkennen, dass der Kalte Krieg vorbei ist,“ ruft er den Europäern zu. Aber irgendetwas ist heute anders als sonst. Was als starker Auftritt kalkuliert war, entpuppt sich als Zeichen der Schwäche. Ausgerechnet für Gazprom birgt das heraufziehende „Golden Age of Gas“ ungewohnte Unsicherheiten.

Die Macht von Gazprom bröckelt

Mit der Nutzung des unkonventionellen Gases in den USA ist Gazproms Hoffnung auf die USA als riesigem neuen Absatzmarkt innerhalb von wenigen Monaten zerbröselt. Und es kommt vielleicht sogar noch schlimmer: Sollten die US-amerikanische Erdgas-Unternehmen ihre Ankündigungen wahrmachen und sogar noch selbst Erdgas in Form von verflüssigtem Gas (Liquified Natural Gas — LNG) exportieren, würden sie Gazprom auch noch Konkurrenz machen — und die Preise verderben. Medwedew spürt die hämischen Blicke der ExxonMobil- und Chevron-Leute, die registrieren, wie abhängig Medwedew vom Gas-Absatz auf dem europäischen Markt bleibt. Er blickt mürrisch ins Publikum im Plenarsaal des Kuala Lumpur Conference Centre. „Gibt es Fragen aus dem Auditorium?“ fragt der Moderator nach Medwedews Vortrag. Da sich (wie übrigens immer bei Industrieveranstaltungen) niemand meldet, stehe ich auf und frage Medwedew, ob er denn nicht um das Image des Erdgases fürchten müsse, wenn Gazprom sich anschickt, die Arktis, eine der ökologisch fragilsten Regionen der Welt, auszubeuten.

Medwedew gelingt es nur mit Mühe, zu verbergen, dass ihn eine solche Frage anwidert. Keine große geostrategische Frage, die man ihm da stellt, sondern eine vermeintlich „kleine“ Frage eines dieser „kleinen“ Alarmisten. Er schnarrt zu mir durch den Saal: „Was haben wir uns nicht alles anhören müssen von Ihnen und Ihren Kollegen über die Gefahren beim Bau der Northstream-Pipeline durch die Ostsee. Und was haben wir jetzt? Ein Projekt, das höchsten ökologischen Ansprüchen gerecht wird. Genauso werden wir in der Arktis vorgehen. Wir sind uns der Empfindlichkeit der Umwelt in dieser Region wohl bewusst. Verlassen Sie sich darauf.“ Unerwähnt lässt Medwedew aber, dass Gazprom ausgerechnet mit der Förderung von Erdöl statt Erdgas den Schritt in die Arktis beginnen will und dass die Gefahren solcher Projekte mit den ökologischen Auswirkungen der Ostsee-Pipeline in keiner Weise zu vergleichen ist.

Gravierende Sicherheitsmängel und fehlende Notfallpläne

Gazproms Erdgas-Förderung aus den großen sibirischen Erdgasfeldern geht bereits zurück. Der Konzern beabsichtigt daher, sich mit seiner Förderung weiter nach Norden in die Arktis zu bewegen: Gemeinsam mit Norwegens Statoil in der Barentssee, nördlich der norwegischen Küste, und bei der Entwicklung des Shtokman-Feldes, nördlich der russischen Küste. Weiteres Großprojekt für Gazprom ist die Erdgas-Förderung auf und vor der Jamal-Halbinsel, die in die arktische Karasee hineinragt. Gazprom sind zumindest die ökonomischen Risiken bewusst, zumal in Zeiten, in denen der Gaspreis eher sinkt, zumindest aber nicht steigt. Wohl auch deshalb hat Medwedew vorgestern ín Kuala Lumpur überraschend verkündet, den Bau einer Pipeline vom Shtokman-Feld nach Süden mit einer Verbindung zur Ostseepipeline aufzugeben. Um genauer lernen zu können, worauf man sich da einlässt, plant Gazprom noch in diesem Jahr, mit der Förderung von Erdöl zwischen Nowaja Semlja und nordsibirischer Küste zu beginnen. „Prirazlomonaya“ (zu Deutsch „unzerbrechlich“) heißt die Bohrplattform einer ganz neuen technischen Generation, die dort zum Einsatz kommen soll. Es ist weltweit die erste angeblich eis-resistente Öl-Plattform der Arktis-Klasse, deren Konstruktion auch den Druck der schwersten Eismassen aushalten können soll. Die ersten kommerziellen Bohrungen sollen noch in diesem Jahr erfolgen. Greenpeace lehnt solche Bohrungen ab und verweist in einer Studie unter anderem auf die gravierenden Sicherheitsmängel der Plattform sowie auf das Fehlen des gesetzlich vorgeschriebenen Notfall-Plans.

Nach dem Vortrag rennt Medwedew wieder zurück in Richtung seines Konferenz-Büros auf der Rückseite des opulenten Gazprom-Standes. Plötzlich springt er im Laufschritt die Stufen zum kleinen Bar-Tresen bei den Kollegen von E.on-Ruhrgas hoch, schnappt sich ein großes Stück Wassermelone, verschlingt es, grinst etwas lausbübisch und läuft weiter zum Gazprom-Stand. Und irgendwie bleibt mir diese Szene im Gedächtnis. Für Medwedew ist wohl auch die Arktis so etwas wie ein Stück Melone, das man sich im Vorbeigehen einverleiben kann.

Zum Bericht des ersten Tages geht es hier entlang.

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