Gazprom gegen die Arctic 30

31. Oktober 2013
By | Source: Greenpeace Blog

Autor Rex Weyler ist Schriftsteller, Journalist und Gründungsmitglied von Greenpeace International

Die überzogene Reaktion der russischen Behörden auf die Protestaktion der Arctic 30 – und das lächerliche Herumlavieren bei der Anklage – wird für Russland keine guten Folgen haben. Im Gegenteil ist es wahrscheinlich, dass diese Reaktion der internationalen Klimaschutz-Bewegung dabei helfen wird, ihre Ziele zu erreichen.

19.10.2013: Junge Aktivisten der Greenpeace-Jugend protestieren im Rahmen einer dreißigstündigen Musik-Mahnwache an der russischen Botschaft in Berlin.

Ziviler Ungehorsam, der sich gegen eine ihre Macht missbrauchende Autorität richtet, ist so alt wie die Menschheit. Der Untergang des sumerischen Königs Gilgamesch nimmt seinen Anfang mit öffentlichen Beschwerden darüber, dass der König junge Männer Kriegen und junge Frauen seiner Lust opferte – und er seine Aufgabe als „Hüter des Volkes“ vergaß. In „Jüdische Altertümer” berichtet der jüdische Geschichtsschreiber Josephus Flavius von Bauernaufständen gegen den Machtmissbrauch Roms. Als der römische Statthalter Pilatus die Aufstände mit Hilfe von Attentätern unterdrücken wollte, führte diese Überreaktion dazu, dass Männer, Frauen und Kinder sich aus Protest massenhaft auf einen Platz legten und ihr Leben feilboten.

In jüngerer Zeit schließlich befreite Gandhi Indien durch gewaltlosen Widerstand; Martin Luther King, Rosa Parks und Aktivisten, die beim Marsch auf Washington dabei waren, brachten in den USA eine rassistische Kultur zum Umsturz; Aung San Suu Kyi und Nelson Mandela boten Schlägern in Burma und Südafrika die Stirn.

In all diesen Fällen hatte eine Institution mit übertrieben harter Polizeigewalt gegen öffentlichen Protest reagiert – so wie auch kürzlich im Gezi Park in Istanbul, auf dem Ramses-Platz in Kairo und im Oktober in New Brunswick, wo die kanadische Polizei mit Scharfschützen, Hunden und und Elektroschockern den Protest der indigenen Mi’kmaq gegen Fracking bekämpfte.

Diese Fälle polizeilicher Gewalt bilden den historischen Hintergrund, vor dem Russland dreißig Journalisten, Seemänner und Greenpeace International-Aktivisten festgenommen hat und diese zunächst der Piraterie angeklagt wurden und nun des „Rowdytums“ bezichtigt werden. Diese Anklagen sind frivol, weil die Aufzeichnungen belegen, dass der Protest der Aktivisten ein friedlicher Ausdruck der Besorgnis war, durchgeführt zum Nutzen jedes Menschen und jeder Spezies auf der Erde. Die Mitglieder des Teams – jetzt der ganzen Welt als „Arctic 30“ bekannt – haben Greenpeace ihre Zeit und ihre Fähigkeiten zur Verfügung gestellt, um dabei zu helfen, den russischen Staatskonzern Gazprom und die Ölindustrie zu warnen, dass die geplante Ausbeutung der arktischen Bodenschätze das Weltklima negativ beeinträchtigen wird. Dabei handelte es sich natürlich weder um Piraterie oder Rowdytum noch um irgendein anderes Verbrechen.

Historisch betrachtet führen behördliche Überreaktionen – Gewalt, Festnahmen, Gefängnis – zur Stärkung sozialer Bewegungen, individueller Rechte und Organisationen. Als die französische Regierung unter dem Greenpeace-Schiff Rainbow Warrior im Jahr 1985 eine Bombe hochgehen ließ und der Fotograf Fernando Pereira dabei getötet wurde, löste das eine Welle der weltweiten Solidarität für Greenpeace aus. Frankreich dagegen machte sich eines Mordes schuldig, ein dunkler Fleck in den Annalen des Landes.

“Wann auch immer wir etwas tun, um unseren Planeten zu schützen, so geschieht das niemals, damit wir uns persönlich bereichern oder berühmt werden können,“ wie der kanadische Seemann Raul Ruzycki aus seinem Gefängnis erklärte. „Ganz im Gegenteil, wir haben nichts Persönliches zu gewinnen, aber alles zu verlieren, unter anderem unsere Freiheit, unsere Familie und unsere Freunde.“ Ruzycki stammt aus einer Seefahrer-Familie. Er ist ein geschickter Schmied, Schweißer, Künstler und Geiger. Er hat sich gegen Überfischung, Abholzung, Atomwaffentests und Walejagd eingesetzt. Er ist ein typisches Beispiel für die Weltbürger, die zusammen die Arctic 30 bilden.

Die Familien der Arctic 30 sind in ihren Heimatländern aktiv geworden. In Italien hat die Mutter des Besatzungsmitglied Cristian D’Alessandro über 100.000 Unterschriften gesammelt, um ihren Sohn freizubekommen. Die Eltern des freien Journalisten Kieron Bryan aus Großbritannien haben eine Webseite aufgesetzt, um mit der Geschichte ihres Sohnes seine Freilassung zu bewirken. In Moskau hat die Frau des freien Fotografen Denis Sinyakov mit Kollegen ihres Mannes vor der Regierung demonstriert.

„Seit 22 Tagen bin ich im Gefängnis für ein Verbrechen, das ich nicht begangen habe,“ sagte die britische Medienexpertin Alexandra Harris bei einer Anhörung vor Gericht. „Ich habe kein einziges Dokument gesehen, das belegen würde, dass ich in ein Verbrechen involviert war. Alles, was passierte, war friedlicher Protest und ich bin davon überzeugt, dass die Videobeweise und die lange Geschichte von Greenpeace das beweisen werden.“ Die Eltern von Alexandra haben die britische Regierung gebeten, sich für die Freilassung ihrer Tochter einzusetzen.

Russland hat Briefe von Desmond Tutu, zehn weiteren Nobelpreisgewinnern, den Madres de Plaza de Mayo aus Argentinien, dem Olympia-Medalliengewinner John Carlos und dem italienischen Schauspieler und Schriftsteller Dario Fo erhalten. Human Rights Watch, Amnesty International, Bundeskanzlerin Angela Merkel, die brasilianische Präsidentin Dilma Rousseff und die ehemalige US-Außenministerin Hillary Clinton haben Besorgnis die unangebrachte Behandlung der Arctic 30 durch Russland geäußert. Greenpeace-Unterstützer haben knapp 1,8 Millionen Protest-E-Mails an russische Konsulate und Botschaften geschickt und die Freiheit der Arctic 30 gefordert. Die Organisation Avaaz hat ebenfalls über eine Million Unterschriften gesammelt.

Die Niederlande – Flaggenstaat des festgesetzten Greenpeace-Schiffes „Arctic Sunrise“ – hat rechtliche Schritte eingeleitet und den Internationalen Seegerichtshof in Hamburg aufgefordert, die Freigabe des Greenpeace-Schiffes und die Freilassung der Crew anzuordnen. In dem Antrag der Niederlande heißt es, dass das Schiff und seine Crewmitglieder an einem „friedlichen Protest gegen Gazproms Öl-Bohrinsel Prirazlomnaya“ beteiligt waren.

Der Kapitän, die Crew, die Journalisten und die Aktivisten an Bord der Arctic Sunrise haben für uns alle ihre Freiheit riskiert. Sie handelten aus Überzeugung und haben die altehrwürdige Funktion der friedlichen, sozialen Opposition ausgeübt – gegen etwas, das sie als Unrecht empfinden. Sie haben damit einer öffentlichen Debatte über die Zukunft des Erdklimas die Tore geöffnet. Für diese Leistung werden sie eine Form der Freiheit erfahren, die sich durch kein Gefängnis einsperren lässt.

So können Sie die Arctic 30 unterstützen

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