Ein Viertel aller Hai- und Rochenarten weltweit sind vom Aussterben bedroht – wegen Haiflossensuppe und “Medizin“

4. Februar 2014
By | Source: Meertext
Dornhai (Wikipedia)

Dornhai (Wikipedia)

Heute geht es mal um Haie.
Der Bericht einer Haiexperten-Gruppe hat gerade gezeigt, dass ein Viertel Viertel aller Hai- und Rochenarten weltweit vom Aussterben bedroht sind.
Der Bericht ist von der deutschen Öffentlichkeit weitgehend unbeachtet geblieben.
Durch ein Gespräch mit meiner Studienkollegin und langjährigen Freundin Heike habe ich die Tragweite erst richtig erfasst. Wir haben also gemeinsam einen Beitrag geschrieben und ein ergänzendes Interview gemacht (das gibt es erst morgen).

Artenschutz ist ein schwieriges Thema, weil oft mit Schätzungen und Extrapolationen gearbeitet werden muss. Ich bin im vorliegenden Fall aber fest davon überzeugt, dass diese Haischützer nicht grundlos Alarm schlagen, sie haben Jahrzehnte mit den Tieren gearbeitet und kennen “ihre” Bestände recht genau. Wir sollten die Ergebnisse dieses Berichts sehr ernst nehmen!

Eine neue, erschreckende Studie der IUCN (International Union for Conservation of Nature = Weltnaturschutzunion) zeigt: Ein Viertel aller Hai- und Rochenarten weltweit sind vom Aussterben bedroht!

Die Flossen der Haie und die Kiemen der Rochen sind kostbare Zutaten für Haiflossensuppe und  traditionelle chinesische Medizin. Auch das Fleisch der Tiere wird gegessen, das Öl zu Lebertran verarbeitet und Haut und Knorpel zu vielen anderen Produkten verarbeitet.

Über zwei Jahrzehnte lang hat die Hai-Expertengruppe der IUCN alle Fakten über den Gefährdungsstatus von mehr als 1,000 Knorpelfischarten zusammengetragen: Vorkommen und Verteilung der Arten, Lebensraumnutzung, Fangzahlen, Maßnahmen zum Fischereimanagement, Bedrohungen und Schutzbemühungen. Auf der Basis dieser umfassenden Datensammlung konnten sie den Gefährdungsstatus von Knorpelfischen, also Haien, Rochen und Chimären, bewerten.
Das Ergebnis der mehr als 300 Experten war erschreckend: Von 1041 bewerteten -Arten sind 249, also etwa ein Viertel, bedroht (Nicholas K. Dulvy et al: „Extinction risk and conservation of the world’s sharks and rays”)

Die „Rote Liste“
Die IUCN bewertet aufgrund aller Informationen den Status von Arten und ordnet sie in 10 Kategorien ein. Die Kategorien „vom Aussterben bedroht“ (CR: Critically Endangered), „stark gefährdet“ (EN: Endangered) und „gefährdet“ (VU: Vulnerable) bezeichnen die gefährdeten Arten.
Die potenziell gefährdeten Arten (NT: Near Threatened)  sind (noch) nicht gefährdet. Die Schwellenwerte werden aber nur knapp unterschritten, die Arten könnten in naher Zukunft in die Gefährdungsstufen kommen.
Andere Kategorien sind entweder für bereits ausgestorbene Arten vorgesehen oder für nicht unmittelbar gefährdete. Kann die Gefährdung einer Art aufgrund der unzureichenden Daten nicht beurteilt werden, erhält sie die den Status „ungenügende Datenlage“  (DD: Data Deficient). Aus all diesen Informationen erstellt die IUCN die Rote Liste gefährdeter Arten – ein grundlegendes Instrument im Dienst des weltweiten Artenschutzes.
Entsprechend dieser Klassifizierung sind
– 107 Rochenarten und  74 Haiarten  „gefährdet“ (CR, EN,VU)
– 132 Arten sind „potentiell gefährdet“ (NT)

Die Experten haben insgesamt nur ein Drittel als „nicht gefährdet“ bewertet. Das ist, der niedrigste Anteil an nicht unmittelbar gefährdeten Arten aller Wirbeltiergruppen!
Bei 132 Arten konnten sie wegen der ungenügenden Datenlage keine Aussage treffen.  Sie gehen aber davon aus, dass  ein ähnlich großer Prozentsatz der Arten gefährdet ist.
Insgesamt sind 249 Arten – also ein Viertel aller Arten – gefährdet!

Haie und Rochen — biologische Fakten
Haie und Rochen schwimmen seit 420 Millionen Jahren in unseren Ozeanen.
Durch das Aussterben von Hai- und Rochenarten würde die Erde Arten verlieren, die eine einzigartige Evolution durchlaufen haben. Knorpelfische sind Repräsentanten einer langen Ahnenreihe, die bis in die Tiefen der Wirbeltierentwicklung zurückreicht. Urhaie und –rochen waren (neben den Placodermen) die ersten Wirbeltiere, die Kiefer und ein Gehirn entwickelt haben. Daneben haben Haie auch ein plazentaähnliches Organ und ein Immunsystem, deren Entstehung  wahrscheinlich ebenfalls sehr früh in der Erdgeschichte fiel.
Hai- und Rochenarten sind besonders anfällig für Bedrohungen, weil sie spät geschlechtsreif werden, ein hohes Lebensalter erreichen und sich nur in geringer Anzahl fortpflanzen.

Besondere Schwerpunkte der Überfischung von Haien und Rochen liegen im indo-pazifischen Raum, hier besonders im Golf von Thailand, im Mittelmeer und im Roten Meer. Fischerei und Lebensraumzerstörung tragen am meisten zur Gefährdung von Arten bei. Dabei sind Haie und Rochen in flachen Gewässern stärker gefährdet als Tiere der Hochsee, weil hier der menschliche Einfluss durch Fischerei und Umweltzerstörung am höchsten ist.

Die am meisten gefährdete Gruppe von Knorpelfischen sind die Säge- und Geigenrochen, die vor allem auf Lebensräume in Küstennähe, in Flussläufen und Mündungsgebieten angewiesen sind. Die Kinderstuben vieler tropischer Haie sind im Mangrovenbereich oder gar Flussmündungen zu finden. Auch die Stechrochen im Flachwasser aber vor allem die Süßwasserarten in den tropischen Flüssen und Seen Südamerikas sind vor allem wegen der regional stark eingeschränkten Verbreitung und der großen Nähe zum Menschen besonders gefährdet, erläutert die deutsche Haiexpertin Heike Zidowitz (Universität Hamburg, Deutsche Elasmobranchier- Gesellschaft e. V.).

Knorpelfische pflanzen sich nur langsam fort – da sie nur wenige Fressfeinde haben und lange leben, blieb so das ökologische Gleichgewicht gewahrt.
Haie sind erfolgreiche Jäger und Räuber der Meere, viele stehen an der Spitze der Nahrungsnetze. Damit sind die großen Knorpelfische entscheidend wichtige Regu­lationsfaktoren in den ozeanischen Ökosystemen  – ihre Ausrottung würde grundlegende Veränderungen bedeuten.
In Meeresgebieten, in denen die Haibestände dezimiert sind, gerät die Ökologie des Meeres aus dem Gleichgewicht. So haben Studien aus der Karibik gezeigt, dass sich ohne Haie die Zackenbarsche sehr stark vermehren. Zackenbarsche fressen dann besonders viele Fische, die ihrerseits Algen abweiden. Dadurch haben sich dann die Algen so stark vermehrt, dass sie die Korallenpolypen überwucherten und letztendlich Riffe zum Absterben brachten (Deutsche Elasmobranchier-Gesellschaft e. V.: Ökologie).

Haiflossensuppe, Schillerlocke und Traditionelle Chinesische Medizin
Haiflossensuppe ist ein traditionelles chinesisches Gericht. Die Haiflossen geben der Brühe eine gelatinöse Konsistenz – die Suppe wird wohl eher wegen dieser Konsistenz als wegen des Geschmacks gegessen. Eine solche Suppe ist teuer – sie kostet pro Teller $200, damit ist sie weniger Nahrung, als vielmehr Prestigeobjekt. Bei Banketten und auf Hochzeiten wird Haiflossensuppe serviert, um zu zeigen, dass die Gastgeber es sich leisten können.

Haiflossensuppe wird auch in Deutschland und anderen EU-Ländern angeboten, aber nur in sehr geringer Menge und Qualität. Preislich steht sie hier in keinem Vergleich zu den asiatischen Ländern, es gibt hier kaum einen Markt dafür. In Nordamerika steht sie  in den Chinatowns der Großstädte auf den Speisekarten, erreicht aber auch dort nicht das Ausmaß der asiatischen Absatzzahlen (European Elasmobranch Association: „European Shark Fisheries“, 2007).

Die EU ist am Haifang massiv beteiligt, vor allem vor allem Spanien und Portugal, aber auch Frankreich und das Vereinigte Königreich. Die EU-Flotte fängt etwa ein Viertel der Flossenlieferungen nach Asien, wobei die Haie weltweit in allen Meeresgebieten also  auch außerhalb von EU-Gewässern, gefangen werden. Die Flossen gehen fast ausschließlich auf die asiatischen Märkte, während das Fleisch eher in Europa konsumiert wird. In Italien wird viel Haifleisch gegessen, in England und Deutschland wird Dornhai als „rock salmon“ und „Schillerlocke“ verspeist und in Frankreich, Belgien und den Niederlanden stehen Rochenflügel auf der Speisekarte, um nur einige Beispiele zu nennen.

Haie werden überwiegend mit Langleinen gefischt, andere gehen als  Beifang in die Netze. Eine besonders grausame Fischerei-Methode, die bei Haien leider oft angewendet wird, ist das Finning: Dabei werden Haien nur die Flossen abgeschnitten, der Körper des Tieres wird zurück über Bord geworfen. So werden oft auch noch lebende Tiere mit abgeschnittenen Flossen ins Meer geworfen, wo sie dann qualvoll verenden. Das Finning ist in der EU mittlerweile verboten.

Neben „Delikatessen“ wie Haiflossensuppe ist auch der Markt für Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) ein gigantisches Problem für die Knorpelfische. Rochenkiemen sind ein Bestandteil solcher TCM-Mittelchen.

Hai- und Rochenschutz jetzt!
Die Gefährdung der Bestände ist den verantwortlichen Stellen in den Fischerei- und Naturschutzbehören seit langem bekannt, meint Dr. Nick Dulvy von der Simon Fraser University. Er ist Vorsitzender der IUCN-Shark Specialist Group (*) und Hauptautor des Berichts „Extinction risk and conservation of the world’s sharks and rays”.
Ein Viertel aller Hai- und Rochenarten sind jetzt akut vom Aussterben bedroht – auch wegen der wachsenden Nachfrage nach Haiflossensuppe, so Dulvy, aber bisher sind kaum konsequente Schutzbemühungen umgesetzt worden. „Fischerei-Manager und Behörden müssen endlich realisieren, dass wir unsere Zukunft essen. Wenn wir nicht endlich eine nachhaltigere Fischerei betreiben, haben wir morgen nichts mehr zu essen“ sagte Dulvy in einem Interview mit Global News.

Wiegt das Prestige eines Tellers gelatinöser Haiflossensuppe es auf, diesen eleganten, langlebigen Fisch zu Suppe zu verarbeiten?
Wir benötigen jetzt starke Maßnahmen zum Schutz der Haie und Rochen!
Weltweit und sofort!

(Ein Riesen-Dankeschön an Dipl.-Biol. Heike Zidowitz, die mich auf das Thema aufmerksam gemacht hat und für ihre unschätzbare Hai-Sachkenntnis, ohne die dieser Beitrag nicht erschienen wäre).

(*): Die IUCN Shark Specialist Group besteht aus  führenden Knorpelfisch-WissenschaftlerInnen und einigen professionellen Artenschutz-Experten, die in die Regionalgruppen berufen werden. Es sind also vornehmlich Meeresbiologinnen und -biologen, die sich mit den Beständen in ihren Regionen, so weit es die Daten überhaupt zulassen, sehr gut auskennen. Man muss in die Gruppe eingeladen werden. Die daten erscheinen in wissenschaftlichen Journalen (peer-reviewed)  und sie  wissenschaftliche Empfehlungen ab und beraten Regierungen.

 

 

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