Seit der Konferenz der Vereinten Nationen über Umwelt und Entwicklung in Rio 1992 ist Greenpeace für die Rettung des größten tropischen Regenwalds aktiv. Nach einer Rekordentwaldung 2004 ist es auch unseren Kampagnen zu verdanken, dass die Entwaldung — verursacht durch Sojaanbau oder Rinderzucht — danach deutlich weniger wurde. Damals hieß der brasilianische Präsident Luiz Inácio Lula da Silva und hatte die charismatische Menschen- und Umweltaktivistin Marina Silva als Umweltministerin. Zusammen richteten sie zehntausende Quadratkilometer Schutzgebiete für die einzigartigen Urwälder ein.
Seitdem ist jeodch viel passiert. Bei meiner Ankunft in Rio de Janeiro wird der Wandel der letzten Jahre mehr als deutlich. Mit neuen, riesigen Ölvorkommen vor den Küsten strebt Brasilien an, das Saudi-Arabien Lateinamerikas zu werden. Als Kornkammer der Welt boomt zudem der Export von Soja, Rindfleisch und Zuckerrohr. Die Regierung der neuen Präsidentin Dilma Rousseff spürt mehr als ihr Vorgänger den Druck der mittlerweile sehr mächtigen Industrien.
Die Veto-Lüge der brasilianischen Präsidentin Dilma
Obwohl sich über 80 Prozent der brasilianischen Bevölkerung gegen die Gesetzesnovelle ausgesprochen haben, die den Amazonas zur Abholzung im großen Stile freigibt, hat die Präsidentin den Parlamentsbeschluss auf Druck der Agro-Industrie nicht gestoppt. Zwar versuchte die Präsidentin den Eindruck zu erwecken, als hätte sie wesentliche Teile der Gesetzesänderung aufgehalten, doch dies erwies sich als glatte Lüge. Das ist eine sehr dunkle Wolke für den bevorstehenden Erdgipfel für Umwelt und Entwicklung. Eigentlich müssten dort Wege aus der Klimakrise beschlossen werden. Zur Lösung des globalen Klimawandels und des Verlustes von Arten geht es um nichts Geringeres als eine Energierevolution und einen Stopp der globalen Entwaldung bis 2020.
Brasiliens Doppelrolle für einen Erfolg des Erdgipfels Rio+20?
Brasilien ist zusammen mit China, Indien und Südafrika Teil einer Staatengruppe, die nicht nur im Kreise der Wirtschaftsnationen mehr Verantwortung übernehmen muss, sondern auch bei den Klimaverhandlungen gefordert sind. Ich erinnere mich noch sehr gut an die letzten Tage und Stunden bei den Klimaverhandlungen in Durban. Brasilien nahm damals eine zentrale Rolle bei der Kompromissfindung zwischen Indien und China auf der einen Seite und den USA auf der anderen Seite ein. Diese Rolle sollte gerade für das Land, das Gastgeber des bevorstehenden Erdgipfels ist, ein Auftrag sein!
Als boomende Wirtschaftsnation sollte Brasilien zeigen, dass Investitionen zukünftig nicht mehr in die Ausbeutung von Ölreserven oder die Abholzung des einzigartigen Regenwalds gehen, sondern in erneuerbare Energien sowie den Stopp der Abholzung im Amazonas. Nötig sind klare, verbindliche Leitlinien für grüne Investitionen sowie für den Schutz der Biodiversität in den letzten Urwäldern und den internationalen Meeren. Der brasilianische Boom in Windkraft und andere regenerative Energien der letzten Jahre sollte die brasilianische Regierung dabei ermuntern.
Interessant wird es für die brasilianische Präsidentin, wenn der Tagesordnungspunkt Wälder aufgerufen wird. Dann wird über ein globales Ziel zum Stopp der Entwaldung entschieden. Wird sie dies bis spätestens 2020 unterstützen, könnte sie viel des verloren gegangenen Kredits bei ihrer Bevölkerung zurückgewinnen sowie gestärkt in die nächste Auseinandersetzung mit der Agrarindustrie gehen. Hier sollte auch die deutsche Bundesregierung eine zentrale Rolle einnehmen. Schließlich versprach 2008 Bundeskanzlerin Merkel Milliarden für den Urwald- und Klimaschutz, auch für Brasilien. Ich bin gespannt!
Martin Kaiser wird täglich von dem politischen Ringen in Rio berichten und twittert von der Konferenz! Mehr zum Thema gibt es auf der offiziellen Seite der Rio+20-Konferenz.


