Die Titelstory im aktuellen Spiegel: Das Strom-Phantom – Der Greenpeace Faktencheck

4. September 2013
By | Source: Greenpeace Blog

Der aktuelle „Spiegel“ (36/2013) stellt den Ausbau der Erneuerbaren Energien als planlos und zu teuer dar. Als Lösung wird ein Systemwechsel bei der Förderung Erneuerbarer Energien vorgeschlagen: An die Stelle des existierenden EEGs soll ein Quotensystem wie in Schweden treten. Unser Energieexperte Andree Böhling hat sich die „Spiegel“-Analyse genauer angeschaut.

Der „Spiegel“-Artikel beschreibt an einigen Beispielen treffend, dass es Fehlentwicklungen bei der Energiewende und eine mangelnde Koordination derselben durch die schwarz-gelbe Bundesregierung gibt. Deutlich wird dies etwa am aktuellen Boom des Kohlestroms, ausufernden Industrieausnahmen für die EEG-Umlage, oder der fehlenden Anpassung von Sozialleistungen an die Energiepreisentwicklung. In anderen Punkten haben die Autoren aber entweder ungenau recherchiert oder sie nehmen eine extrem einseitige und damit unzutreffend Perspektive ein.

Ein Faktencheck zu einzelnen Behauptungen:

Behauptung: Der Einsatz von Öl- und Kohlekraftwerke, die bei möglichen Versorgungsengpässen im Winter einspringen, führt zum Anstieg der CO2-Emissionen im Kraftwerkspark.

Falsch. Die Reservekraftwerke sind nur wenige Stunden im Jahr am Netz — wenn überhaupt. Ihre CO2-Emissionen fallen daher kaum ins Gewicht. Entscheidend für die Klimaschutzziele und verantwortlich für den Anstieg der CO2-Emissionen ist die steigende Kohleverstromung in Deutschland. Ursache hierfür wiederum ist der Verfall der CO2-Preise und die gesunkenen Börsenpreise, die den Exportanteil des deutschen Kohlestroms zuletzt deutlich steigen ließen.

Behauptung: Die Drosselung oder zweitweise Einstellung der Produktion bei industriellen Großabnehmern wie etwa dem ArcelorMittal-Stahlwerk in Hamburg ist unsinnig und erhöht die Kosten der Stromverbraucher.

Falsch. Die Verschiebung oder Drosselung hoher Stromlasten, die so genannte Nachfragesteuerung, ist energiepolitisch sinnvoll und unter Experten unstrittig. Obwohl betroffene Betriebe für Produktionsausfälle vom Staat entschädigt würden, reduzieren sich die Kosten für die Stromverbraucher dabei deutlich. Wenn die ohnehin wenigen Spitzenverbrauchszeiten im Jahr eingeebnet werden, müssen weder das Stromnetz noch die Versorgung überdimensioniert werden.

Behauptung: Der planlose Ausbau von Wind- und Sonnenenergie ist der Kostentreiber für Strompreise.

Falsch. Nicht der Zubau neuer Wind- und Solaranlagen treibt die Kosten in die Höhe, sondern eine falsche Energiepolitik auf Kosten von Privathaushalten. Die immer günstigeren neuen Anlagen für Erneuerbare Energien machen nur noch einen Anteil von 13 Prozent am Anstieg der EEG-Umlage in 2014 aus. Dagegen sind die ausufernden Industrieausnahmen für ein Viertel des Anstiegs verantwortlich, der gesunkene Börsenstrompreis sogar für gut die Hälfte. Wer die Energiekosten begrenzen will, darf deshalb nicht das EEG abschaffen, sondern muss dafür sorgen, dass die gesunkenen Börsenpreis an die Haushalte weitergeben und die Industrieausnahmen reduziert werden. Dadurch könnte die EEG-Umlage im nächsten Jahr sogar deutlich absinken. Bislang ist die Bundesregierung hier untätig.

Behauptung: Im Wettstreit der Konzepte hat das schwedische Quotenmodell gegen das deutsche Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) gesiegt.

Falsch. Der Ausbau Erneuerbarer Energien in Deutschland ist deutlich erfolgreicher als in Schweden. Die Erzeugung Erneuerer Energien ist in Deutschland in den vergangenen Jahren rund neunmal so schnell gestiegen wie in Schweden. Schwedens Strom aus Photovoltaikanlagen ist zu vernachlässigen. Bei Bioenergie liegt Deutschland trotz besserer Grundvoraussetzungen in Schweden beim rund fünffachen und bei der Windenergie bei mehr als dem zwölffachen der schwedischen Erzeugung.

Das Quotensystem hat zudem einen inhärenten Nachteile: Es verlässt sich beim Ausbau der Erneuerbaren auf große Energiekonzerne wie RWE, E.on, Vattenfall und EnBW. Eben jene Konzerne, die sich bislang einem Ausbau Erneuerbarer Energien weitgehend verweigert haben und wegen ihres Kraftwerkparks auch kein Interesse daran haben. Zudem kippt die Quote ein zentrales Prinzip der deutschen Energiewende: Die Beteiligung von vielen Menschen am Ausbau von Wind- und Sonnenenergie. Weil diese auch finanziell profitieren können, sichert das Prinzip die Akzeptanz der Energiewende vor Ort und ist eines ihrer Erfolgsgaranten. Die Quote kann sogar zu höheren Kosten führen. Durch die geringere Investitionssicherheit steigen Risikoaufschläge bei Banken und Investoren. Zudem nimmt auch der Speicherbedarf durch eine höhere Zentralisierung der Anlagen zu.

Behauptung: In Deutschland würden vor allem die ineffizientesten Technologien gefördert, nach der bizarren Logik, sie möglichst lange an den Markt heranzuführen.

Falsch. In Deutschland wurde und wird vor allem auf die günstigste und effizienteste Technologie mit der Windenergie an Land gesetzt. Erst seit einem Jahr hat die Kapazität der Solarenergie die Windenergie überholt. Und auch deren Kosten sind in den vergangenen Jahren massiv gesunken: Eine Kilowattstunde Solarstrom kostete vor zehn Jahren noch rund 50 Cent, heute liegt ihr Preis zwischen 12 und 18 Cent. Gleichzeitig wird Solarenergie immer effizienter. Technologien wie Offshore-Wind oder Erdwärme, die noch nicht so weit entwickelt und damit noch teurer sind, wurden nur marginal ausgebaut und spielen bei den Kosten bislang so gut wie keine Rolle. Diese Technologien technisch weiter zu entwickeln ist dennoch sinnvoll, weil die Kosten dadurch sinken können. Biomasse ist ein Sonderfall. Sie ist teurer als Wind und zum Teil auch Solarenergie und hat nur noch geringe Potenzial zur Kostensenkung. Sie hat aber den Vorteil, dass sie rund um die Uhr Strom einspeisen kann und sollte deshalb zukünftig nur noch gezielter in Zeiten von wenig Sonne und Wind einspeisen.

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