Die heimlichen Folgen von Fukushima

21. Oktober 2013
By | Source: Greenpeace Blog

Die Schreckensmeldungen aus der havarierten Atomanlage Fukushima Daiichi reißen derzeit nicht ab. Einmal bedrohen gewaltige Taifune die einsturzgefährdete japanische Atomruine, dann erschrecken Meldungen über die mangelhafte Vorbereitung der Arbeiter im AKW. Immer wieder fließt radioaktiv verseuchtes Wasser aus provisorischen Tanks ins Meer. Die Tepco-Mitarbeiter führen einen nicht enden wollenden Kampf gegen die täglich steigenden Wassermassen. Gerade teilte der Konzern mit, dass verstrahltes Wasser ins Erdreich rund um das AKW gelaufen sei. Teilweise wurden Strahlenwerte oberhalb der festgesetzten Grenzwerte gemessen. Vor wenigen Wochen hat ein internationales Team von Greenpeace Strahlenexperten die Region Fukushima erneut besucht, um Radioaktivitätsmessungen anzustellen. Dr. Rianne Teule, Strahlenschutzexpertin von Greenpeace International, berichtet.

Ich bin wieder in der radioaktiv kontaminierten Region rund um das Atomkraftwerk Fukushima Daiichi. Es ist das vierte Mal seit der Atomkatastrophe vom März 2011, und wieder einmal ist es ein surreales Erlebnis.

Ich habe eindeutig zu hohe Strahlungswerte gemessen. Ich habe zwischen kontaminierten Hügeln Mittag gegessen, während eine elektronische Anzeige an der Straße nicht die Geschwindigkeit von Autos maß, sondern das Strahlungsniveau.

Gemeinsam mit 16 Strahlenschutzexperten von Greenpeace kam ich her, um in der Region um die Stadt Tamura die Strahlungswerte zu kontrollieren. Die Regierung sagt, sie habe Teile der Region dekontaminiert, jetzt will sie den Evakuierungsbefehl für einen Teil Tamuras zurücknehmen. Es wäre die erste Siedlung, die nach der Katastrophe wieder für die Bevölkerung geöffnet wird.

In der Präfektur Fukushima geht das Leben weiter. Mütter bringen ihre Kinder zur Schule, eine Großmutter arbeitet im Garten, Eltern fahren zur Arbeit.

Doch irgendetwas stimmt nicht. Einige Bewohner bepflanzen ihre Gärten mit Blumen, weil sie selbst gezüchtetes Gemüse nicht essen können. Aus Sorge, das allgegenwärtige radioaktive Cäsium könnte der Gesundheit schaden, verbieten die Mütter ihren Kindern das Spielen im Sand. Männer in blauen Anzügen und Schutzmasken befüllen große schwarze Säcke – Teil der Bemühungen, Gebiete mit zu hoher Strahlenbelastung zu dekontaminieren. Wenn man in der Gegend herumfährt, sieht man diese großen schwarzen Säcke praktisch überall.

Tausende und Abertausende schwarze Säcke mit radioaktivem Abfall, kreuz und quer durch die Landschaft verteilt, zum Teil bereits von Pflanzen überwachsen. Wie wollen die Behörden den Überblick über den radioaktiven Abfall behalten? Wie überstehen diese Säcke den Wandel der Jahreszeiten?
Einen großen Stapel dieser Säcke finden wir neben einem Kindergarten. Wie um Himmels Willen kommt jemand auf die Idee, radioaktiven Müll an einer Stelle zu deponieren, neben der täglich Kinder spielen?

Ein älteres Ehepaar erzählt uns, es sei zweieinhalb Jahre nach der Evakuierung in sein Haus zurückgekehrt, das innerhalb der 20-Kilometer-Sperrzone steht. Ihr dreijähriges Urenkelkind und dessen Mutter würden aber weiterhin in einem Gebiet leben, das weniger stark kontaminiert ist. Sie fragen sich, ob der Urenkel wohl zu Besuch kommen kann oder ob es nicht sicher sei.

Eine Frau hat früher in ihrem Garten viel Obst geerntet und verkauft. Ihr Haus wurde dekontaminiert, ihr Obstgarten nicht. Das liege daran, dass der Obstgarten „nicht kategorisiert” sei, haben die Behörden der Frau erklärt. Obstgärten passen schlichtweg in keine der im Dekontaminierungsplan festgelegten Kategorien.

Neben seinem alten – kontaminierten – Haus, in dem die Familie seit Jahrhunderten gelebt hat, hat ein Mann voller Stolz ein neues Haus errichtet. Aber für den Bau eines neuen, sauberen Hauses zahlt der Staat keine Entschädigung.
Zwei Jahre nach der eilig durchgeführten Evakuierung kehrte ein Paar in sein Heim zurück. Das Haus war durch die Folgen des Erdbebens von 2011 teilweise zerstört worden. Die Reparaturkosten sind hoch, aber es ist schwierig, sich hierfür staatliche Unterstützung zu holen.

Einem Mann gehört ein Stück Wald. Eigentlich pflanzt er gerne neue Bäume, aber wegen der hohen Strahlung im Wald lässt er es inzwischen lieber. Der Mann hofft, dass die Regierung auch seinen Wald dekontaminieren wird, aber das ist praktisch unmöglich.
Es ist surreal. Japans Regierung hätte es gerne, wenn nach der Dekontaminierung alles wieder ganz normal seinen Gang geht, aber so einfach ist das nicht. Das Leid in Fukushima dauert an, größtenteils unbemerkt von der Weltöffentlichkeit. Die Menschen haben zu kämpfen und können kein normales Leben führen. Wann wird Japans Regierung aufhören, die Gewinne der Atomindustrie zu schützen und stattdessen den Schutz der Bürger zur Priorität machen?
Dr. Rianne Teule ist Strahlenschutzexpertin von Greenpeace International

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