Greenpeace-Fotograf Markus Mauthe war unterwegs im Amazonas-Regenwald. Im Greenpeace Blog berichtet er von seinen Erlebnissen und Eindrücken (zum 1. Teil, zum 2.Teil, zum 3.Teil.)
Als wir am nächsten Morgen aus dem Zelt kriechen, fallen uns zuerst die endlosen Reihen von Termiten auf, die sich unter, an und auf unserem Zelt bewegen. Als Luis sich dann von seiner Isomatte erhebt, sehen wir die Ameisen auch in unserem Zelt. Durch die Körperbewegung in der Nacht hat sich der dünne Zeltboden (eine Plane hatten wir dummerweise nicht) aufgeraut. Durch dutzende kleiner Löcher kamen nun die fleißigen Ameisen auf der Suche nach- was auch immer. Es blieb uns also nichts anderes übrig, als uns einen anderen Ort zum Schlafen zu suchen. Wer will sich schon sein Bett mit Hunderten von Besuchern teilen. Der einzige wirklich freie Platz war eine Sandfläche, die, wie ich bei der Ankunft unschwer beobachten konnte, bei Regen völlig überschwemmt wird. Da wir keine andere Wahl hatten, haben wir unser Zelt trotzdem dort aufgeschlagen und dann in klassischer Handarbeit unter Zuhilfenahme einer Machete und eines Stücks Wurzel einen klassischen Burggraben um unser Reich gezogen. Nach zwei Stunden waren wir zwar fix und fertig — aber auch stolz auf unser Bauwerk. Insgeheim konnten wir es gar nicht erwarten zu erleben, ob unsere Konstruktion in der Lage sein würde, den Wassermassen Paroli zu bieten. Ironischerweise sollte es aber bis zu unserem Abstieg ein paar Tage später keinen richtig starken Regen mehr geben, so dass wir diese Frage nie beantwortet bekamen.
Ansonsten war die Zeit auf dem Tafelberg eine Ansammlung von unvergesslichen Eindrücken. Wir haben drei Standorte ausgemacht, die uns Ausblicke verschafften, die man kaum in Worte fassen kann. Wir durften auf einen Wasserfall blicken, der unweit von unserem Standpunkt fast vierhundert Meter in die Tiefe fällt. An manchen Stellen ist die Steilwand so senkrecht abgefallen, dass wir praktisch genau oberhalb der Baumkronen auf den grünen Teppich blickten. Am erhabensten war jedoch der Anblick benachbarter Tafelberge, wie sie sich aus dem endlos erscheinenden Meer an Bäumen erheben. Dieser Anblick war uns über einen Zeitraum von mehreren Tagen zu allen möglichen Wetterbedingungen und Lichtstimmungen vergönnt.
Gleichgewicht der Natur
Der Blick auf einen Teil unserer Erde, der noch nicht von Menschen aus dem Gleichgewicht gebracht wurde. Doch was unterscheidet dieses grüne, von Leben strotzende Meer aus Wald und Wasser von dem anfangs erwähnten Meer aus Hochhäusern und Straßen in Sao Paulo, in dem wir Menschen leben? Die Natur befindet sich im Gleichgewicht und weiß genau wie viel Geben und Nehmen nötig ist,um sich zu erhalten. Die von Menschen gemachte Umgebung kann jedoch in ihrer momentanen Struktur nur existieren, wenn sie Raubbau an erstgenannten Lebensräumen betreibt.
Diese werden dadurch mehr und mehr dezimiert und degradiert. Wir Menschen haben durch unseren modernen Lebenswandel die natürlichen Kreisläufe längst verlassen und vertrauen einer auf Wachstum basierenden Lebensweise. Doch wohin soll endloses Wachstum in einer endlichen Welt führen, wenn nicht in die Zerstörung?
Momentan profitieren wir noch von der in Jahrmillionen angereicherten Fülle natürlicher Rohstoffe. Doch viel Spielraum bleibt nicht mehr. Schon heute lassen sich die Auswirkungen unseres unmäßigen Treibens an vielen Orten der Welt in Form von Klimaveränderungen und Artensterben eindeutig nachweisen. Ein gutes Beispiel dafür ist das Land, in dem ich mich gerade befinde. Brasilien gilt als eine der aufstrebenden Nationen auf unserer Erde. Ein beeindruckendes Wirtschaftswachstum lässt so manchen Wirtschaftsexperten staunen. Doch worauf beruhen diese Zahlen und Entwicklungen? Auf nichts anderem als der konsequenten Ausbeutung der natürlichen Rohstoffe dieses riesigen Landes. Zusätzlich mit all den parallel verlaufenden Entwicklungen, die damit einhergehen.
Es gibt einige hundert Millionen Profiteure, die als neue Mittelschicht via TV-Werbung zu braven Konsumenten geschult werden und viele Millionen, die weiterhin in Armut leben, weil das System keinen Platz für alle hat. Kompletter Verlierer dabei ist immer die Natur. Leider haben es immer noch viele nicht verstanden, dass letztendlich wir alle die großen Verlierer sein werden, denn ohne vorhandene Lebensgrundlagen lässt sich einfach nicht überleben. Man kann zwar an der Börse mit Werten handeln, die frei erfunden sind — erfundene Grundnahrungsmittel und imaginäres Wasser halten uns aber nicht am Leben.



