30.000 für eine nachhaltigere Landwirtschaft auf der Straße

18. Januar 2014
By | Source: Greenpeace Blog

(c) Mike Schmidt/Greenpeace

Es sind keinerlei Abnutzungserscheinungen erkennbar: auch die vierte Auflage der inzwischen etablierten Agrardemo in Berlin hat wieder tausende Menschen mobilisiert. Ein breites Bündnis aus Umwelt-, Verbraucher- und Tierschutzorganisationen hatte im Rahmen der Kampagne „Meine Landwirtschaft“ erneut dazu aufgerufen, für eine nachhaltigere Agrarpolitik einzutreten. Ein wesentlicher Unterschied zum vergangenen Jahr offenbart sich bei einem Blick aufs Thermometer: sicher 10 Grad höhere Temperaturen und Sonnenschein gestalten insbesondere die Abschlusskundgebung vor dem Bundeskanzleramt bei weitem angenehmer. Und für Berliner Verhältnisse ist es fast windstill.

Inhaltlich herrscht vor, was die industrialisierte Landwirtschaft vermissen lässt: Vielfalt statt Monotonie. Der Themenmix ist bunt und wird genauso auch in Szene gesetzt. Doch wie zuvor steht alles unter dem Motto „Wir haben es satt!“ Dies gilt für Massentierhaltung, Gentechnik, Gifteinsatz, Bienensterben, Landgrabbing, Lebensmittelverschwendung, Höfesterben und andere weiterhin brennende Probleme. Und ein relativ neues Thema spielt eine prominente Rolle: das Freihandelsabkommen zwischen der EU und den USA.

Die hinter verschlossenen Türen verhandelte Lockerung der Handelsbeziehungen droht die europäischen Standards auf amerikanisches Niveau absinken zu lassen. Viele Demonstranten fürchten mehr Gentechnik, Hormon- und Klonfleisch oder andere unappetitliche Auswüchse der Lebensmittelindustrie aufgetischt zu bekommen. Dabei liegen schon aktuell die Probleme sehr viel näher, nämlich auf den Äckern und in den Ställen Europas. Der Einsatz von Pestiziden ist aus der Landwirtschaft kaum wegzudenken und wird als viel zu selbstverständlich begriffen. Der übermäßige Einsatz von Dünger gefährdet das Grundwasser.

Gleiches gilt für die Massentierhaltung, die neben viel zu viel Fleisch auch Treibhausgase und Stickstoffüberschüsse durch anfallende Gülle produziert. Erst diese Woche haben Umweltbundesamt und Verbraucherzentralen darauf hingewiesen, dass so nur auf den ersten Blick „billige“ Lebensmittel erzeugt werden. Zu groß sind die Kollateralschäden für Luft, Böden und Grundwasser. Die Nitratwerte des Trinkwassers in intensiv bewirtschafteten Regionen, vornehmlich solche mit intensiver Tierhaltung und Biogasanlagen, bereiten zunehmend Sorgen (http://www.greenpeace.de/themen/landwirtschaft/nachrichten/artikel/zeitbombe_im_trinkwasser/ ). Zudem werden die scheinbar „billigen“ Lebensmittel immer noch viel zu oft verschwendet, der dadurch erhöhte Produktionsbedarf führt wiederum zu erhöhter Belastung der Umwelt.

(c) Mike Schmidt/Greenpeace

Wir sind mit grob geschätzt 150 Greenpeacern gut repräsentiert und haben für die diesjährige Demo vor allem das Thema Gentechnik gewählt. „Kein Schwein will Gen-Futter!“ und „Stoppt Gift und Gentechnik auf dem Acker!“ steht auf unseren Bannern, außerdem haben wir als unverwechselbares Erkennungsmerkmal fast 100 tragbare Gen-Maiskolben mitgebracht. Über Futtertröge landen nach wie vor Unmengen Gen-Soja in den Supermarktregalen. Die negativen Folgen in den Anbauländern in Übersee, resultierend aus Pestizideinsatz in gigantischen Gentech-Monokulturen, werden immer deutlicher. Und das kann im wahrsten Sinne des Wortes „kein Schwein wollen“ – genau wie den Anbau von Gen-Pflanzen in Deutschland und der EU. Und doch droht die Zulassung für einen „neuen“ Gen-Mais. Die Pflanze mit dem klangvollen Namen „1507“ könnte als Prototyp einer Gen-Pflanze durchgehen: er produziert sein eigenes Insektengift und ist gegen ein Unkrautvernichtungsmittel resistent. Beim Anbau von 1507 landen damit Gift und Gentechnik zwangsläufig zusammen auf dem Acker.

Bei allem Protest ist die Agrardemo alles andere als eine destruktive Anti-Veranstaltung. Teilnehmer und Organisatoren wissen ganz genau, was zu einer im wahrsten Wortsinne nachhaltigen, zukunftsfähigen Landwirtschaft gehört: gesunde Böden und Bienen, faire Preise, Saatgutvielfalt, artgerechte Tierhaltung, regionale Futtermittelerzeugung, weltweites Recht auf Nahrung und der Zugang zu Land – um nur einige Punkte zu nennen. Es bleibt viel zu tun, auch für die neue Bundesregierung. Diese Woche überraschte Landwirtschaftsminister Friedrich mit der Aussage, den Einsatz von Pestiziden und Dünger auf ökologischen Vorrangflächen zu befürworten. Das Bundesamt für Naturschutz und das Umweltbundesamt hatten unlängst geraten, auf diesen Flächen auf Agrargifte unbedingt zu verzichten. Die Kundgebung endet mit der Ankündigung, dass „Wir haben es satt“ 2014 nicht die letzte Auflage der Demo war – wir kommen nächstes Jahr wieder!

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